Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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Forum 4

Europa entdecken und erleben
Der Beitrag des Kulturtourismus

Christian Antz, Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt, Magdeburg; Veronika Ratzenböck, Östereichische Kulturdokumentation, Internationales Archiv für Kulturanalysen, Wien; Anne-Marie Sigmund, Präsidentin des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) a.D., Wien. Moderation: Cornelia Dümcke, Culture Concepts, Berlin

»Europa entdecken und erleben« kann heißen, auf Reisen zu gehen. Europa ist beschrieben in einer Vielzahl von Reiseberichten und Reiseromanen. Inwieweit aber die »Europa« repräsentierenden Reiseziele Europa als gemeinsamen Kultur- und Geschichtsraum treffend darstellen beziehungsweise überhaupt auf diesen verweisen, ist unklar. Was bedeutet heute das Reisen im erweiterten Europa konkret im individuellen wie gesellschaftlichen Zusammenhang?

Offensichtlich müssen Reiseziele von europäischer Dimension »re-konstruiert« werden: »Wir reisen in der wirklichen und der imaginären Welt zugleich, wenn wir als Touristen unterwegs sind. … Wir verstehen nun besser, warum sich das Besichtigungs-Reisen in engem Zusammenhang mit der Kunst entfaltet hat: Beide schöpfen aus dem gleichen kollektiven Ideenvorrat der imaginären Geographie.
Seit dem 18. Jahrhundert nehmen Touristen die Sichtweisen von bildender Kunst und Literatur auf, suchen ihre Bilder wieder zu finden und folgen den Routen der Maler, Schriftsteller und ihrer Romanhelden.« (Christoph Hennig, Reiselust, 1999, S. 96)

Nun ist der Zusammenhang von Kultur und Tourismus in Europa erst seit relativ kurzer Zeit in den Blickwinkel der Kulturpolitik geraten, sowohl auf der Ebene der EU als auch auf jener der Länder, Regionen und Städte. Seit Mitte der 90er Jahre ist jedoch in größerem Maße Klarheit sowohl über die Potentiale als auch über die Schlüsselprobleme des heutigen Kulturtourismus geschaffen worden, wobei das Wissen um den »Kulturtouristen« nach wie vor begrenzt ist.

Dennoch hat – vergleichbar mit Entwicklungen im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft – eine gewachsene Wahrnehmung des kreativen Potentials und der wirtschaftlichen Bedeutung des Kulturtourismus stattgefunden. Sie hat in Bezug auf die konkrete Gestaltung des Zusammenhangs von Kultur und Tourismus auch zu neuen kulturpolitischen Strategien und Konzeptionen in Europa geführt.  Als herausragende Beispiele stehen dafür das Projekt der Europäischen Kulturrouten und Fernwege oder das Projekt der Europäischen Kulturhauptstädte. 

Mittlerweile ist zunehmend sichtbar geworden, auf welche Weise die »Ressource« Kultur für andere Politikbereiche (z.B. für die Wirtschafts-, Regional- oder Stadtentwicklung) als Instrument genutzt werden kann. Parallel dazu hat – im positiven wie im negativen Sinne – ein Umbau der Argumente hin zum Stellenwert, zu den Funktionen von Kultur im gesellschaftlichen Entwicklungszusammenhang stattgefunden.

Folgt man den existierenden Analysen, haben sich Angebot und Nachfrage im Kulturtourismusmarkt in Europa mit erheblicher Dynamik entwickelt. In diesem gewachsenen Markt kultureller Attraktionen, die Reisende und Einheimische gleichermaßen anziehen, bildet der »spezifisch« an Kultur interessierte Reisende ein vergleichsweise kleines Segment. Sein Anteil am »generellen« Kulturtourismusmarkt übersteigt in vielen west- und osteuropäischen Ländern kaum die Marke von zehn Prozent. Obwohl der gesamte, »generelle« Kulturtourismusmarkt im zurückliegenden Jahrzehnt erheblich gewachsen ist und – Prognosen zufolge – weiter wachsen wird, ist der Anteil der »spezifischen« Kulturtouristen relativ unverändert geblieben. (Greg Richards) Neben einer Verschärfung des Wettbewerbs und einer Fragmentierung des Marktes sind defizitäre Vertriebskanäle sowie Probleme im Zusammenwirken von kulturellen und touristischen Akteuren als die Schlüsselprobleme im modernen Kulturtourismus in ganz Europa identifiziert.

Das Forum beschäftigt sich mit der Fragestellung, welche Instrumente und Initiativen es bedarf, um das kulturelle Erbe Europas zu erschließen und Europa als Kultur- und Geschichtsraum erfahrbar zu machen? Inwieweit trägt der europäische Kulturtourismus zur Identifikation mit dem Kulturraum Europa bei? Wie hoch ist das Potential des Kulturtourismus in Europa tatsächlich?

Inwiefern tragen etwa »Kulturrouten« und das Projekt »Europäische Kulturhauptstädte« dazu bei, »Europa zu entdecken und zu erleben«? Ist das Europäische nicht zu ungegenständlich, unsinnlich und abstrakt, um entdeckt und erlebt werden zu können? Wie werden bei der Vermittlung touristischer Reiseziele bestimmte Elemente kollektiver Imagination in einem konkreten Raum erfahrbar gemacht, wissend, dass es im Tourismus schon immer nur begrenzt um die Erkenntnis der Fremde ging? »Vielmehr suchen Touristen die sinnliche Erfahrung imaginärer Welten, die Realität der Fiktion.« (Christoph Henning)

Cornelia Dümcke

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