Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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Panel 5

Kultur und Wirtschaft – derselbe Kampf?
Europäische Kulturvielfalt und global players

Impulsreferate von Wolfgang Thierse, MdB, Vizepräsident des Deutschen Bundestags, Berlin und Frits Bolkestein, EU-Kommissar für Binnenmarkt, Steuern und Zollunion a.D., Amsterdam
Anschließend Podiumsdiskussion mit Dieter Gorny, stv. Vorsitzender des Vorstands des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft e.V., Berlin; Elisabeth Mayerhofer, projekt manager at music information center austria (mica), Wien; Andreas Wiesand, Direktor von ERICarts, Bonn. Moderation: Manuela Kasper-Claridge, Deutsche Welle, Berlin

Die "creative industries" sind – trotz uneinheitlicher Definitionen! – zu einem wohlfeilen Schlagwort in wirtschafts- und kulturpolitischen Debatten geworden. Gelegentlich, so der Eindruck, ist sogar von einem neuen "hype" zu sprechen, verbinden sich damit doch weitreichende Erwartungen auf veränderte gesellschaftliche Arbeits- und Kommunikationsformen (so in Richard Florida's Konzept einer "creative class") und zugleich auf kontinuierliches Wirtschaftswachstum.  Wer möchte sich nicht gerne mit dem Etikett "kreativ" schmücken und zugleich erfolgreich sein?
Dass hier viele Äpfel mit Birnen und auch ein paar Quitten in einen Topf geworfen werden, mag vielleicht nur diejenigen schmerzen, die auf Unterschiede zwischen künstlerischer Arbeit und den Produkten der Hersteller von Büro-Software oder den Hervorbringungen der Werbewirtschaft pochen. Noch gravierender ist wohl, dass in einigen Lesarten der "Kreativwirtschaft" – in Deutschland z.B. in den Hessischen Kulturwirtschaftsberichten – durch die begriffliche Vereinnahmung von Kultureinrichtungen und Medienangeboten mit öffentlichem Auftrag unter rein wirtschaftlichen Vorzeichen ein bisher in globalen Auseinandersetzungen (WTO etc.) mindestens halbherzig verteidigtes Europäisches Konzept von Kultur- und Medienpolitik in Frage gestellt wird, immerhin ein Baustein der neuen UNESCO-Konvention über "Schutz und Förderung kultureller Ausdrucksformen".
Andererseits könnte man auch zum Schluss kommen, dass unsere Kulturpolitiker und feuilletonistischen Feingeister viel zu lange die – durchaus relevanten – Beziehungen zwischen Geist und Geld verschlafen oder verdrängt hatten. Nun versuchen manche, auf längst abgefahrene Züge aufzuspringen und verordnen z.B. auch den Kunsthäusern Management-Konzepte aus betriebswirtschaftlichen Arsenalen von Consultants und Großindustrie. Dies führt zwingend zu der Frage, ob wir in Zukunft bisherige Vorstellungen von Kulturpolitik durch "Kulturwirtschaftspolitik" ersetzen müssen oder auch nur ersetzen könnten, und weitergehend: ob diese dann tatsächlich auch die Interessen von Kultur- und Medieninstitutionen mit öffentlichem Auftrag und vor allem die der Künstler berücksichtigen könnte.
Mindestens ebenso gravierend ist aber, dass weder die Begrifflichkeit der "creative industries" noch die damit verknüpften ökonomischen Heilserwartungen der Realität entsprechen:
Auf die meisten Betriebe der Kulturwirtschaft passt das Etikett "Industrie" nicht einmal als Metapher; vielmehr sind sie als kleine und Kleinst-Firmen ("micro-businesses") zu charakterisieren. Normalerweise werden sie von ihren Eigentümern selbst geführt, die durchschnittliche Betriebsgröße liegt unter 5 Mitarbeitern. Wachstumsraten bei den Arbeitsplätzen sind hier längst nicht mehr so hoch wie in den 1990er Jahren. Das größte Problem dieser Struktur ist ihre Unterkapitalisierung, was z.B. notwendige Investitionen für das Marketing oder die technische Ausstattung be- oder verhindert.
Auch die Assoziation von Kultur- und/oder Kreativwirtschaft mit ungebremstem Wachstum führt in die Irre. Vielmehr zeigen Studien in verschiedenen europäischen Ländern, dass hier die jeweiligen Konjunkturzyklen zu besonders deutlichen Ausschlägen führen – und zwar nach oben wie nach unten (letzteres z.B. zu Beginn dieses Jahrzehnts). Sicher steht am Beginn einer Marktentwicklung manchmal ein stürmischer Aufwärtstrend, so derzeit etwa bei den Computer-Games, doch ist auch hier ein Ende des Booms absehbar. In einigen Feldern, etwa im Tonträgermarkt oder beim Film, stoßen europäische Firmen wegen der Dominanz weniger globaler Konzerne und neuer, zunehmend ins Internet verlagerter Vertriebstrukturen oft auf ernste Probleme.
Dass künstlerische Aktivitäten und kulturgeschichtliche Profile für das Selbstverständnis und die Entwicklung von Städten und Regionen eine große Bedeutung haben, und zwar speziell in Gebieten, die von einem ("post-fordischen") Niedergang traditioneller Industrien gekennzeichnet sind, ist zwar unstrittig, doch ist dies ja keineswegs allein, oft nicht einmal primär, auf Leistungen privatwirtschaftlicher Firmen und Designbüros zurückzuführen. Letztere stehen vielmehr in – im besten Fall: komplementären – Wechselbeziehungen mit Leistungen öffentlicher Kultur- und Medienbetriebe, solchen von Förderern und Bildungseinrichtungen, mit individuellen oder bürgerschaftlichen Initiativen u.a.m. Das Verbindungsglied sind hier vor allem die Künstler und andere "kreative" Kultur- und Medienberufe, die in allen diesen Bereichen tätig werden und die Gesellschaft durch Innovationen und Vielfalt bereichern helfen. In diesem Sinne könnte man vielleicht von einem "Kreativsektor" sprechen, der alle Akteure umfasst, diesen aber ihre unterschiedlichen Ziele und Rollenverständnisse belässt.

Übersicht: Der “Kreativsektor“: siehe unten

Dieser sich langsam integrierende Kreativsektor ist in Europa bisher noch sehr arbeitsintensiv: Die kombinierten Arbeitsmärkte bringen es in 31 europäischen Ländern (EU-Staaten, EFTA) auf über 5 Mio. Menschen. Zum Vergleich: in den USA liegt diese Zahl bei rund 2,5 Millionen. Das Brutto-Umsatz- bzw. Haushaltsvolumen des Kreativsektors im gemeinsamen europäischen Markt, kann auf rund 400 Milliarden € geschätzt werden (ca. 23 % davon durch öffentliche Einrichtungen, einschließlich Rundfunkanstalten). Das ergibt ein ähnliches Finanzvolumen wie beim Vergleichssektor in den Vereinigten Staaten.
Daher sollte auch die Europäische Union diesen Sektor und mit ihm das Engagement vieler Millionen Menschen, Kulturinitiativen und Betriebe in ihrer Arbeit stärker berücksichtigen – im erneuerten "Lissabon-Programm der Gemeinschaft" (Juli 2005), das "Innovationen, Wachstum und Beschäftigung" in der EU fördern soll, wurde er noch ausgespart.  Inzwischen gibt es Hinweise auf ein Umdenken: Die nationalen Regierungen und die EU sind in der Tat gefordert, durch neue Programme und Maßnahmen bessere Bedingungen für die Weiterentwicklung und die Wettbewerbsfähigkeit des Kreativsektors – und hier auch der Kulturwirtschaft – zu schaffen, ohne die kulturelle Vielfalt als Markenzeichen Europas zu beschädigen und die Künstler nicht nur für andere Zwecke zu instrumentalisieren. Aufgaben für die EU und ihre Mitgliedsländer bestehen etwa beim Ausgleich globaler Marktverzerrungen und Abhängigkeiten, in der Berücksichtigung kultureller Potentiale bei der Reform der Strukturfonds, in der Harmonisierung gesetzlicher und sozialer Rahmenbedingungen für Künstler und generell in der Verbesserung der Transparenz in diesem komplexen Bereich.

Andreas Wiesand

Übersicht: Der “Kreativsektor“:
Kultur und Medien in europäischer Perspektive

Quelle: A.J.Wiesand: "Kultur- oder 'Kreativwirtschaft': Was ist das eigentlich?", in: APuZ 34-35/2006. Entwickelt nach Modellen aus einem Forschungsüberblick für die European Cultural Foundation, Amsterdam (2005, mit M. Söndermann), verschiedenen Beiträgen auf der Unesco-Konferenz "The International Creative Sector" (Austin, 2003), NRW-Kulturwirtschaftsberichten (1992-2007) u.a.

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