Der Ball ist rund (2)
Sozialismus und Champagner-Fußball. Eine kleine Geschichte der Fußball-Europameisterschaft
Dietrich Schulze-Marmeling
Seit ihrer 12. Austragung im Jahre 2004 gilt die Europameisterschaft der Nationen bei Experten als weltweit zweitbester Fußballwettbewerb - vor dem WM-Turnier, aber noch hinter der UEFA Champions League. Dabei erfolgte die Einführung dieses Wettbewerbs erst in den 1960ern relativ spät, und stieß in den Anfangsjahren bei einigen großen europäischen Fußballnationen nur auf wenig Gegenliebe. Auf Augenhöhe mit anderen internationalen Wettbewerben kam die EM erst in den 1980er Jahren.
Als am 3. März 1955 im Schloss Schönbrunn in Wien die Vereinigung Europäischer Fußballverbände (UEFA) gegründet wurde, stand auch „Das Projekt einer Europameisterschaft“ auf der Tagesordnung. 18 der 29 vertretenen Nationen sprachen sich dagegen aus, wenngleich nicht alle „Nein-Sager“ dem Vorhaben eine generelle Absage erteilten.
Zwei Lager ließen sich ausmachen: Nationen, die bereits internationale Erfolge gefeiert hatten, wie die Weltmeister Italien und Deutschland, aber auch Belgien, die Schweiz und die Niederlande, zeigten sich uninteressiert bis ablehnend. Hinzu kam eine Reihe von Einwänden: Die Vorbereitung auf die WM-Turniere würde erschwert, ein Argument, das vor allem, aber keineswegs ausschließlich von Seiten des DFB strapaziert wurde. Und die vier britischen Fußballverbände hatten mit der Home Championship ihre eigene Meisterschaft.
Die UEFA-Mitgliedsländer aus dem „Ostblock“ betrachteten die EM hingegen als große Chance, auf internationaler Bühne sportlich und politisch zu reüssieren. Pro und Kontra Europameisterschaft war teilweise eine Ost-West-Frage.
DFB anfangs dagegen
Auf dem 3. UEFA-Kongress am 28./29. Juni 1957 in Kopenhagen wurde das EM-Projekt zwar mit 14 Ja- bei 7-Nein-Stimmen sowie fünf Enthaltungen befürwortet. Allerdings wurde eine Klausel eingebaut: Der Anpfiff des Wettbewerbs sollte nur erfolgen, wenn bis zum 16. Februar 1958 mindestens 16 Mitgliedsverbände ihre Teilnahme verbindlich angemeldet hätten. Doch bei Ablauf der Deadline lagen lediglich 15 Anmeldungen vor. Ein klares "Nein" kam u.a. aus Deutschland (DFB), England und Schottland, ein nicht minder klares "Ja" aus dem Ostblock, wo sich die UdSSR, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und die DDR für die EM aussprachen. Italien, Jugoslawien, Schweden u.a. hatten sich noch zu keiner Entscheidung durchringen können, weshalb UEFA-Sekretär Delaunay die Meldefrist bis zum 6. August 1958 verlängerte. Auf dem folgenden UEFA-Kongress am 4. – 6. Juni 1958 in Stockholm konnten dann die Befürworter des Projekts die Anmeldungen Nr. 16 und Nr.17 verkünden. Mit 15:13 Stimmen wurde die Durchführung des ersten Nationencups verabschiedet. Das Projekt war also weiterhin stark umstritten. Zu den "Nein-Sagern" gehörten unverändert die britischen Verbände, Deutschland und Italien.
„Coupe de Delauny“ satt EM: Sozialistische Länder dominieren
Unter diesen Umständen mochte die UEFA nicht die direkte Verantwortung für einen Wettbewerb übernehmen, der zunächst „Coupe de Delauny“ hieß. In ihren Anfangsjahren war die EM eine Domäne der "sozialistischen Welt". 1960 führte das erste Finale zwischen der UdSSR und Jugoslawien zwei sozialistische Länder zusammen. Der Neuauflage des Olympia-Finales von 1956 - Sieger waren erneut die UdSSR - wohnten im Pariser Prinzenpark lediglich 17.000 Zuschauer bei. Die zweite Finalrunde 1964 in Spanien mobilisierte bereits ein größeres Interesse, vor allem bedingt durch den Siegeszug des gastgebenden Teams. Nun waren auch die Engländer vertreten, die allerdings bereits in der Vorrunde scheiterten. Auch Italien gab seinen Einstand, so dass von den fünf großen Ländern Westeuropas nun vier dabei waren: Die Bundesrepublik Deutschland verharrte in der Position des Zuschauers.
Erst 1968 treten alle an
Bei der dritten Auflage 1968 waren dann erstmals alle bedeutenden europäischen Fußballnationen an Bord, nachdem auch der DFB seine Ablehnung aufgegeben hatte. DFB-Präsident Dr. Hermann Gössmann begründete den Gesinnungswandel mit dem nun offiziellen Charakter der Veranstaltung. Aus dem "Europacup der Nationen" bzw. "Coup Henri Delaunay" wurde eine offizielle Europameisterschaft unter dem Briefkopf der UEFA. Die EM-Endrunde 1968 in Italien hatte zwar mit fast 40.000 den bis dahin höchsten Zuschauerschnitt, aber fehlerhafte Schiedsrichterentscheidungen und die einschüchternde Atmosphäre in den Stadien weckten unangenehme Erinnerungen an die "Skandal-WM" von 1934. Die EM blieb bis 1976 ein Wettbewerb, in dem die sozialistischen Staaten eine große Rolle spielten. Von den 20 Endrundenteilnehmern 1960 bis 1976 kamen elf Teams aus der "sozialistischen Welt". Zweimal - die UdSSR 1960 und die CSSR 1976 - stellten diese Länder den Europameister, dreimal -Jugoslawien 1960, UdSSR 1964 und 1972 - den Vize-Europameister. Das EM-Finale 1980 war überhaupt das erste ohne Beteiligung eines Teams aus der "sozialistischen Welt".
Mit ‘Champagner-Fußball’ aus dem Schatten der WM
Die EM stand viele Jahre im Schatten der WM, was auch daran lag, das letztere bis 1982 stark europäisch geprägt war. Außerdem wurden im Zeitraum 1950 bis 1974 fünf der acht WM-Turniere in Europa ausgetragen. Auch verfügte die EM, bedingt durch die geringe Zahl von Endrundenteilnehmern, über kein auch nur annähernd vergleichbares Event-Potenzial. Die Turniere 1968 und 1972 bedeuteten insofern einen gewissen Statusgewinn, dass die Europameister Italien und Deutschland bei den anschließenden Weltturnieren (anders als die UdSSR 1962 und Spanien 1966) ihre Position als europäische Nummer eins bestätigen konnten. 1980 wurde die Endrunde auf acht Teams vergrößert, was damit einherging, dass das Austragungsland erstmals automatisch qualifiziert war. Einen kräftigen Schub erfuhr das Turnier mit der Endrunde 1984 in Frankreich: Die Franzosen organisierten das Turnier mit einem Engagement und einer Professionalität, wie man dies bis dahin nur von Weltturnieren kannte. Mit Frankreich sah das Turnier einen Sieger, der Fußball-Europa mit „Champagner-Fußball“ begeisterte.
"Osterweiterung"
Das Auseinanderbrechen der Sowjetunion, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei führte seit Anfang der 1990er zu einem erheblichen zahlenmäßigen Anstieg der UEFA-Mitgliedschaftländer, denn zu den ersten souveränen Akten der neu entstandenen unabhängigen Staaten gehörte die Gründung nationaler Fußballverbände und das Gesuch um Aufnahme in die Organisationen des internationalen Fußballs.
Für die EM 1996 meldeten 48 Länder, weshalb die UEFA die Ausweitung der Endrunden von acht auf 16 Teilnehmer beschloss, wodurch das Turnier das von 1954 bis 1970 existierende Format der WM annahm - ein weiterer Markstein in der Geschichte der Veranstaltung. Dem Turnier tat dies nur gut. Nicht nur, weil es so manchen Europäer an die "gute alte WM" erinnerte. Durch die größere Zahl an Spielen bzw. die längere Dauer des Turniers wuchs dessen Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein und in der Medienberichterstattung. Das Turnier 1996 wurde im „Fußball-Mutterland“ England angepfiffen, fiel in die Zeit eines neuen Fußballbooms und wurde in der damals weltweit modernsten Stadionlandschaft ausgespielt. Mit 1.276.174 Zuschauern wurde erstmals bei einer Endrunde die Millionengrenze überschritten.
Dank Leistungsdichte weltweit bestes Länderturnier
Bei der EM 2000 war die Zahl der Bewerber auf 51 gestiegen. 51 waren es auch 2004, einer mehr 2008. Teilnehmer Nr. 52 war Kasachstan, das 2002 in die UEFA übergewechselt war. Litt die Qualität des Turniers in seinen Anfängen darunter, dass die "Großen" aus dem Westen nicht komplett dabei waren, so ist die EM heute das weltweit beste Länderturnier. Die sportliche Qualität der EM 2004 war deutlich über der der WM 2002 anzusiedeln. Aufgrund der größeren Leistungsdichte ist es schwieriger Europameister als Weltmeister zu werden.
Die EM 2000 wurde in den sechs größten TV-Märkten Europas - Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Niederlande - von 617 Mio. Fernsehzuschauern gesehen. 2004 waren es dann 854 Mio., was eine Steigerung um mehr als 20% bedeutete. Längst ist die EM auch ein global vermarktbares Produkt. So wurden die EM-Spiele 2004 weltweit von 217 TV-Sendern in 199 Ländern übertragen, in Europa waren 62 Länder dabei. Das Heimrecht spielt bei der EM-Endrunde offensichtlich nur eine geringe Rolle. Lediglich bei den Turnieren 1964, 1968 (als die Endrunde nur von vier Ländern gespielt wurde) und 1984 gewann der Gastgeber. Seit der Ausweitung auf 16 Teilnehmer stand der Gastgeber erst einmal wenigstens im Finale. Mit Österreich ist also nicht unbedingt zu rechnen ...
Dietrich Schulze-Marmeling (mehr hier) ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. Er schrieb u.a. Standardwerke über Borussia Dortmund und Bayern München und mehrere Titel zum Thema "Fußball in der Zeit des Nationalsozialismus". Eben hat er das Buch „Die Geschichte der Fußball-Europameisterschaft 1960 – 2008“
In den Zeiten der Fußball-Europameisterschaft kooperiert kultur-macht-europa mit der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. Mehr hier und hier
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