Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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27.05.2008

Interkulturelles Denken, kulturelle Grenzen

Die Integration von Zugewanderten ist eine der aktuellen Hauptaufgaben der europäischen Gesellschaften. Die Erkenntnis, dass moderne Gesellschaften Einwanderungsgesellschaften sind, hat sich mittlerweile auch in der deutschen Politik durchgesetzt, der Nationale Integrationsplan steht für diesen Paradigmenwechsel und eröffnet „ein völlig neues Kapitel der Geschichte von Integration von Migrantinnen und Migranten“, so Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die politische Diskussion wurde von Untersuchungen und Erhebungen zur Lage der „Personen mit Migrationshintergrund“ begleitet. Ihre Ergebnisse bestätigten jetzt auf breiter Ebene frühere Erkenntnisse. Argumente für die in politischen Debatten immer wieder thematisierten und beschworenen Parallelgesellschaften fanden sich kaum. Vielmehr wurden die Migranten als heterogene, aber weitgehend integrierte Bevölkerungsgruppe beschrieben. Vor allem bei Jüngeren entsprachen kulturelle und mediale Vorlieben im Wesentlichen den entsprechenden deutschen Altersgruppen. Bei der Mediennutzung sowohl bei Printerzeugnissen wie bei Fernsehen und Radio wurden heimatsprachliche und deutsche Medien kombiniert, zu Teilen mit deutlichem Vorteil für die deutschen Formate. Entscheidend für die kulturelle und mediale Orientierung waren neben dem Alter der Befragten vor allem die Kenntnis der deutschen Sprache. Was Islamismus und radikale wie fundamentalistische Positionen betraf, waren die „Migrantenmilieus“ ein Spiegelbild der Mehrheitsgesellschaft – hier wie da fanden sich in etwa gleichgroße Anteile. Sinus Sociovision nach dem deutschen auch ein Modell von Migrantenmilieus entwickelt und verfeinert, um die differenzierte soziale Welt der „Personen mit Migrationshintergrund“ auszuleuchten. Doch reichen die Instrumente von milieu- und Lebensstilforschung aus, um die gesellschaftlichen Verhältnisse auch in krisenhaften Zeiten zu erklären? Der Soziologe Hans-Peter Müller verweist beim Blick auf die „Zukunft der Klassengesellschaft“ auf Max Weber und sein Diktum, „wonach stabile Zeiten ständische Gliederung, rapide Wandlungsphasen hingegen die nackten Klassenlagen in den Vordergrund schieben“. Die Generalisierung der Lohnarbeiterexistenz, strukturelle Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut wie ein „rasanter“ Abstieg der Sozialhilfeempfänger –auch im „Armutsbericht“ der Bundesregierung und einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums zu Tage gefördert, das Bröckeln der Mittelschichten ebenso wie die ethnische Differenzierung und Ungleichheit lassen ihn fragen, ob vielleicht die „Klassengesellschaft in neuem Gewand“ in die „Festung Europa“ zurückkehrt und wer die Gewinner und Verlierer bei den anstehenden Transformationsprozessen sind: „Die Diagnose für Deutschland und Europa lautet mithin: wachsende gesellschaftliche Deintegration und steigende soziale Ungleichheit.“

Integrationstheorien

Wie unter diesen Voraussetzungen Integration theoretisch begründet und begleitet werden kann, beschäftigt Darius Zifonun. Dabei beharrt er auf der Notwendigkeit einer differenzierten Analyse: „Nun rechnet Weber Klassen der rationale Ziele verfolgenden Vergesellschaftung zu und Stände der auf Zusammengehörigkeitsgefühlen ruhender Vergeimeinschaftung und geht davon aus, dass die ‚große Mehrzahl sozialer Beziehungen ... teils den Charakter der Vergemeinschaftung, teils den der Vergesellschaftung’ hat. Mithin erscheint es also auch in ‚rapiden Wandlungsphasen’ angeraten, die Frage sozialer Differenzierung nicht aus den Augen zu verlieren, auch und gerade wenn man die Frage der lebensweltlichen Wirklichkeit sozialer Ungleichheit in den Blick nimmt.“ Die allgemeine Behauptung, die Moderne sei ein Zeitalter, „das sich durch das Ausschalten von Ambivalenz, durch Dichotomisierung und Vernichtung des Unentscheidbaren“ auszeichne, reiche nicht hin: „Damit ist nur die halbe Wahrheit gesagt. Das stimmt, wenn man sich die Selbstbeschreibungen der Moderne und ihre ideologischen Programme anschaut. Zwischen diesen und der lebensweltlichen Wirklichkeit besteht aber nicht notwendigerweise Übereinstimmung. Die sozialweltliche Theorie der Integration zeigt, dass moderne Gesellschaften widersprüchliche Einheiten bilden, die mit ihren Widersprüchen und durch ihre Widersprüche leben und deren Angehörige diese Widersprüche selbst bewältigen. Das Miteinander von Differenzierung und Integration verweigert sich einer Vereindeutigung. Die Ambivalenzbewältigungsstrategien konstituieren ein sowohl als auch, das Differenz nicht auflöst, sondern die zueinander in Spannung stehenden Bereiche aufeinander bezieht, statt sie voneinander zu trennen. Die Theorie stellt damit auch die soziologische Frage nach der Integration in Frage, die sich nicht als Alternative zwischen Assimilation und ‚Parallelgesellschaft’, zwischen Teilhabe und Segregation stellt, sondern als unentscheidbar erweist, als Gleichzeitigkeit und Doppeltheit. Die handlungstheoretische Integrationstheorie sozialer Welten reagiert konzeptionell auf die Fragmentierung und Konnektivität moderner Individuen wie moderner Gesellschaften. Sie attestiert, dass Integration fraglich und erklärungsbedürftig ist und gibt Antworten darauf, wie die Entstehung von Einheit und von Zonen der Konkordanz dennoch möglich ist. Soziale Welten basieren darauf, dass Menschen Dinge gemeinsam tun. Dies setzt ein gewisses Maß an geteiltem Wissen voraus, so wie in diesem Tun wiederum Wissen produziert wird. Bei aller Heterogenität der Interessen und Orientierungen ihrer Angehörigen sind soziale Welten nur dann einigermaßen dauerhaft und funkktional (hinsichtlich der Ermöglichung und Durchführung ihrer Kernaktivitäten), wenn sie diesen Grundbestand an Wissen garantieren.“

Den Beitrag  „Eine Integrationstheorie sozialer Welten“ in voller Länge finden Sie hier  . Er erscheint demnächst in dem von Wilhelm Heitmeyer und Peter Imbusch herausgegeben Sammelband „Desintegrationsprozesse – Stärkung von Integrationspotentialen in einer modernen Gesellschaft“ im VS-Verlag, Wiesbaden

Darius Zifonum ist Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der TU Berlin und seit Januar 207 Permanent Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Sein aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit "Interkulturellen Kontaktzonen".

Informationen zur Sinus-Studie „Die Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland“ finden Sie hier

Den Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung finden Sie hier

 

 


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