Silver Economy: Aging & Culture
Wie im Grünbuch der Europäischen Kommission „Angesichts des demografischen Wandels“ nachzulesen ist, steigt in Europa die Lebenserwartung, allerdings nicht überall und für alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße. Zugleich gehen die Geburtenzahlen zurück. Dass heute europaweit eine Mehrheit der Bevölkerung die „Lebensphase Alter“ erreicht, ist historisch neu. Diese zivilisatorische Errungenschaft gilt es zu gestalten. Auf EU-Ebene wird deshalb in jüngster Zeit intensiv über diese Herausforderung und Strategien zu ihrer Bewältigung diskutiert.
Das Europäische Regionen-Netzwerk SEN@ER (Silver Economy Network of European Regions), dem mittlerweile 16 europäische Regionen angehören, gehört zu den Initiativen der ersten Stunde - das Land NRW hat das Thema frühzeitig aufgegriffen und auf europäischer Ebene platziert. Der demographische Wandel wird nicht - wie weitgehend üblich - als Herausforderung für die Sozialsysteme begriffen, sondern als Chance für eine neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Die wachsenden Bedürfnisse älterer Menschen nach neuen Produkten und Dienstleistungen werden als Möglichkeit für mehr Wirtschaftswachstum, Lebensqualität und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Europas im Sinne der Lissabon-Strategie begriffen. Die Kulturwirtschaft kann sich mit qualitätsvollen und innovativen künstlerischen Inhalten und neuen Produkten, Formaten und Distributionsformen einen wachsenden Markt von älteren Zielgruppen erschließen - Potenziale, die von Kulturanbietern und –institutionen noch zu wenig erkannt werden. Der Erfahrungsaustausch der Anbieter auf europäischer Ebene eröffnet hier zusätzliche Chancen zur Kooperation, beispielsweise in den Bereichen Kulturtourismus, Medien, Kunst- und Kulturtransfer (Ageing & Culture). Weitere Themenfeldern für eine angepeilten Zusammenarbeit: selbstbestimmte Lebensführung, Gesundheitspflege und Finanzdienstleistungen.
Kultur und Alter ist allerdings nicht nur ein Querschnittsthema von kulturwirtschaftlicher Bedeutung. In der europäischen Kulturpolitik findet derzeit ein Paradigmenwechsel oder auch „cultural turn“ statt. Nicht zuletzt in Folge des gescheiterten Verfassungsprozesses wächst in Europa das Bewusstsein für die identitätsstiftende Bedeutung und Integrationskraft von Kultur und kultureller Zusammenarbeit. Dafür braucht Europa auch das Erfahrungswissen und die kreativen Potenziale der älteren Generation. Einem Großteil der heutigen und künftigen Generationen der Älteren ist Europa wohl vertraut, sie reisen gern und sind interessiert an anderen europäischen Kulturen und Ländern. Ihre persönlichen Geschichten bergen viele Facetten der jüngeren europäischen Geschichte. Sie sind besonders gute Botschafter zwischen den europäischen Kulturen und Generationen. Die aktive gesellschaftliche Teilhabe im Alter und das Lebensbegleitende Lernen, auch jenseits der beruflichen Lebensphase, sind wichtige Faktoren für ein gesundes und würdiges Altern, denn kulturelle Teilhabe und Bildung sowie eigenschöpferische Aktivität und Kreativität im Alter tragen zur Verbesserung der Lebensqualität bei. Gerade Kunst und Kultur bieten reizvolle Lernanlässe und sind Türöffner für die Auseinandersetzung mit biografischen Veränderungen. Das Erlernen von heutzutage unverzichtbaren Kulturtechniken (Umgang mit Informationstechnologie, Erlernen von Sprachen, Mobilität) erhält im Rahmen künstlerischer Gestaltung Sinn und bietet spielerische und ganzheitliche Lernsettings. Lernen müssen dabei nicht nur die älteren Menschen, sondern vor allem diejenigen, die Kultur und Bildung vermitteln und produzieren.
Seit Herbst 2005 koordiniert das Europäische Zentrum für Kultur und Bildung im Alter im Remscheider Institut für Bildung und Kultur e.V. (kubia) im Auftrag des Landes NRW die SEN@ER-Arbeitsgruppe Ageing & Culture. Es umfasst mittlerweile Partner aus Belgien, England, Finnland, Irland, Österreich, den Niederlanden, Schottland, Spanien und Ungarn. Durch eine gemeinsame Lobbyarbeit will das Netzwerk sein Thema auf der europäischen Agenda nachhaltig verankern. Regelmäßige Treffen, zuletzt im schottischen Glasgow, fördern den Zusammenhalt.
Mehr Informationen zu age-culture.net und Europäisches Zentrum für Kultur und Bildung im Alter finden Sie hier und hier
Informationen zum Sen@er-Netzwerk hier
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