Fernsehen mit Grenzen
Die Tageszeitungen waren Faktor wie Produkt der Nationalstaatsideen in Europa. Erst die Vorstellung eines einheitlichen Kultur- und Sprachraums, der tendenziell allen Gesellschaftsmitgliedern zugänglich ist, ermöglichte die Existenz der Tageszeitung als Massenmedium. Dieser Raum war also eine ebenso notwendige Voraussetzung für ihre Existenz wie die Druckmaschine für ihre Herstellung und die Eisenbahn für ihren Vertrieb. Gleichzeitig waren es die Tageszeitungen, die erst die Idee eines einheitlichen Kultur- und Sprachraums anschaulich werden ließen. (Es sei nicht verschwiegen, dass den Nationalstaatsideen zahlreiche fiktionale Elemente beigemischt waren, die in eben diesen Tageszeitungen ausfabuliert wurden, und dass viele dieser Fiktionen in den Kriegen Ende des 19. und während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewaltsam in Wirklichkeit umgesetzt wurden.)
Für das entstehende Europa fehlt es an einem solchen Massenmedium. Das erscheint auf den ersten Blick doppelt absurd: Rundfunk und Fernsehen basieren auf Vertriebstechniken, die an keiner nationalstaatlichen Grenze halt machen. Und ökonomisch sind Fusionen von Sendern auf europäischer Ebene eher der Trend denn die Ausnahme. Derzeit werden die SBS Broadcasting Group und die Pro Sieben Sat1 AG miteinander verschweißt, die in einer Reihe von europäischen Ländern Fernsehprogramme ausstrahlen. Der so entstehende Konzern wird vor allem der RTL Group Konkurrenz bieten, die ebenfalls in zahlreichen Ländern Europas mit Sendern präsent ist und erfolgreich wirtschaftet. Doch die jeweiligen Angebote der europäischen Konzerne sind jeweils national oder auf ein Sprachgebiet ausgerichtet. Internationale Sendungen stammen in der Regel aus den USA und – zu einem weitaus kleineren Teil – aus Großbritannien.
Das gilt selbst für einen transnational ausgerichteten Sender wie Arte. Der 1991 gegründete deutsch-französische Sender, der mittlerweile mit vielen anderen öffentlich-rechtlichen Sendern in Belgien, in der Schweiz, in Spanien, Polen, Österreich, Finnland, in den Niederlanden und in Schweden kooperiert, zerfällt immer noch in die jeweiligen nationalen und damit auch nationalsprachlichen Bestandteile. Selbst der Anfang des Hauptabendprogramms ist immer noch zweigeteilt. Während man für die deutschen Zuschauer um 20.00 Uhr und 20.15 Uhr zwei Einschaltpunkte anbietet, liegt der für das französische Publikum um 20.40. Die Zeit zwischen 20.00 Uhr und 20.40 Uhr wird in immer neuen Anläufen zu füllen gesucht, ohne dass man mit irgendeinem Angebot zufrieden wäre. Selbst die verdienstvolle DVD-Edition unterscheidet sich stark. Während das französische klar cinephil ausgerichtet ist, konzentriert sich das deutsche stärker auf Themen und Personen. Die verdienstvollen französischen DVD-Editionen bieten denn auch keine deutsche Untertitelfassungen.
Vertriebstechnisch gesehen kennt auch das Internet keine Grenzen. Seine Angebote stammen – grob gesprochen – entweder von klassischen Veranstaltern wie Zeitungsverlagen oder Fernsehsendern und richten sich an nationale Publikumsgruppen, auch wenn nun alle im Ausland kostenlos mitlesen können, wenn sie denn wollen. Oder aber von privaten Anbietern, die ihr Angebot gleichsam allen Interessenten auf der Welt zukommen lassen. Die Internetwelt spaltet sich also in Nationen und in an bestimmten Themen interessierte globale Stämme auf. Europa, das weder national noch global ausgerichtet ist, fällt dabei gleichsam durch das Aufmerksamkeitsraster.
Aber das muss nicht so bleiben: Denn diejenigen Themen, die für das gegenwärtige wie das zukünftige Europa bedeutsam sind, könnten durchaus attraktiv im Internet präsentiert werden und dort um Aufmerksamkeit buhlen. Dazu muss man allerdings bestimmte Regeln beachten. Zu ihnen gehört eine gewisse Vielsprachigkeit, also müssen Texte in mehrere Sprachen (und nicht nur Englisch) übersetzt sein. Die jeweiligen Seiten sind mit den wichtigsten nationalen Angeboten wie den wichtigsten globalen zu den jeweiligen Themen clever zu verlinken. Sie müssen visuell attraktiv sein. Vorzustellen wäre also ein Internetportal, das zum einen bestimmte europäische Debatten oder Debatten in und um Europa anstößt, und das zum anderen die nationalen und globalen Angebote nach dem durchmustert, was für den europäischen Diskurs interessant ist, und sie in Form einer kommentierten Link-Sammlung zugänglich macht. Zu jeweils aktuellen europäischen Ereignissen müsste dieses Portal vorpreschen und den Zugang zu ihnen transnational ermöglichen bzw. zu ihnen einladen.
Wie das gelingen kann, zeigte dieser Tage die Website von Arte. Während man im deutsch-französische Fernsehprogramm darauf verzichtete, das Streitgespräch zwischen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy zu übertragen, konnte man es im Internet mit Live-Übersetzung verfolgen und gleichzeitig in Texten und Voten bewerten. Und siehe da, die Internetseite von Arte wurde häufig aufgerufen und die Chance der Bewertung genutzt. Das sollen in Deutschland fast so viele Internetnutzer getan haben wie Fernsehzuschauer Arte einschalteten.
Dietrich Leder ist Professor für Fernsehkultur an der Kunsthochschule für Medien Köln, arbeitet als Medienjournalist und schreibt regelmäßig Kommentare für die Funkkorrespondenz.
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