Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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30.05.2007

Begabung und Kapital mehren

Am 25. Mai haben die EU-Raumentwicklungsminister eine neue Territoriale Agenda für die Europäische Union verabschiedet. Einer ihrer Kernpunkte: Die Entwicklung der europäischen Regionen. Jede Region sollte sich mit den eigenen „Begabungen“, ihrem „territorialen Kapital“ auseinander setzen und ein Profil für ihren Auftritt in Europa entwickeln. Diese Profilierung ist letztlich auch ein Wirtschafts- und Entwicklungsfaktor, der bestehende ökonomische Disparitäten innerhalb der EU mindern helfen könnte. Kulturelle Prägungen sind dabei nicht zu unterschätzen. Fragen der regionalen Entwicklung und die sinnvolle Stärkung des auch räumlichen Zusammenhalts Europas sind Thema des Vierten Kulturpolitischen Bundeskongresses. Die Professoren Roberto Camagni (Mailand), Grzegorz Gorzelak (Warschau) und Wendelin Strubelt (Bonn) werden dazu im Forum 10 „Kultur im europäischen Raum: Reservoir für Tradition – Quelle von Innovation“ diskutieren. Hier stellen sie vorab einige ihrer Thesen zur Diskussion.

Herr Prof. Camagni, beim Stichwort Italien fallen vielen Menschen sofort Städte wie Venedig, das antike Rom, die Ponte Vecchio und die Via Appia ein. Diese Verbindung von Kulturellem Erbe und Tourismus dürfte allerdings kaum ausreichen, um Phänomene wie „Das dritte Italien“ zu erklären. Mit diesem Begriff werden die wirtschaftlich erfolgreichen und dynamischen Städte Norditaliens umschrieben. Warum „Drittes Italien“ ? Und: spielen bei diesem Begriff kulturelle Zuschreibungen eine Rolle ?

Roberto Camagni: In der Tat bedeutet Kultur nicht nur Erbe und Tourismus: Kultur zeigt sich auf unterschiedlichste Weise, sie kann in vielen Facetten mehr oder weniger direkt wirtschaftlich genutzt werden oder sie kann sich zum Wettbewerbsvorteil entwickeln. Nehmen wir die Marke „Made in Italy“. Sie steht für Stil, Geschmack, ästhetische Form und den innovativen Geist vieler Erzeugnisse aus den Bereichen Mode über Möbel bis hin zum Autodesign. Nehmen wir die Branchen, die sich mit dem kulturellen Erbe im weitesten Sinne befassen – die Druckindustrie, die elektronische Bearbeitung von Bildern und Informationen, die Restauration historischer Kunstwerke und Gebäude. Die Produkte und Dienstleistungen beider Segmente wurden lange Zeit von einem Heer kleiner und mittlerer Unternehmen angeboten, deren Standorte größtenteils in den Regionen des Nordostens und Mittelitaliens lagen, eben dem „Dritten Italien“. Die dortige Tradition des sozialen Zusammenhalts, des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Solidarität, eine starke regionale Identität und ein Städtenetz ohne Großstädte und Metropolregion – all das förderte die Entwicklung von dem, was man heute als „innovative Milieus“ bezeichnet. Dabei handelt es sich im „Dritten Italien“ nicht einfach nur um Cluster gleicher oder ähnlicher Aktivitäten und Interessen, sondern um komplexe lokale, kollektive Lernsysteme. Die lokale Kultur präsentiert sich nicht nur als ein nutzbares äußeres Gut, sondern als innere Einstellung, als eine Art soziales oder „beziehungsreiches“ Kapital, das Synergien und Innovationen fördert.

Ihre Analyse erinnert ein wenig an das Süd-Nord-Gefälle in Deutschland. Baden-Württemberg, insbesondere Schwaben ist auch sehr erfolgreich, was die geringe Arbeitslosenquote, Innovationen und den wirtschaftlichen Auftritt insgesamt betrifft. Hängt das mit kulturellen Prägungen zusammen, Herr Prof. Strubelt ?

Wendelin Strubelt: Man sollte sich kurz in Erinnerung rufen, was unter  „kulturellen Prägungen“ in unserem Zusammenhang verstanden wird? Es geht dabei wohl weniger um regionale Folklore, also eine bestimmte Art von Musik oder Tanz, sondern eher um die Langzeitwirkung von gesellschaftlichen Strukturen, die wiederum geprägt werden durch  besondere historische Ereignisse, wie z. B. die Aufteilung Deutschlands in katholische und protestantische Gebiete nach dem Muster Cuius regio, eius religio? Seit Max Weber wissen wir um die Auswirkungen religiöser Orientierungen. Im Falle Schwaben,  als Kern Württembergs wissen wir, dass es seit langer Zeit protestantisch ist. Das könnte Auswirkungen auf das Arbeitsethos der dortigen Bevölkerung gehabt haben, wie auch eine Studie, die Württemberg mit Ostfriesland verglichen hat, herausgearbeitet hat. Allerdings müssen wir auch davon ausgehen, dass der aktuelle Aufschwung Schwabens eng mit der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders verknüpft ist. In den 1950er Jahren änderte sich aber durch die große Zahl der Flüchtlinge die religiöse Struktur in ganz Deutschland grundlegend, was die Frage aufwirft, welche Prägewirkung religiöse Faktoren noch haben. Offensichtlich reichen sie nicht aus als Erklärung.

Wir könnten uns stattdessen auf geographische oder klimatische Bedingungen konzentrieren, die eine besondere „Kultur“ des kleinen und bescheidenen Landvolks in Schwaben hervorgebracht haben. Denn es musste lange und hart für seinen Lebensunterhalt arbeiten, dieser andauernde Kampf gegen die Armut vollzog sich dabei in einer sozialen Umwelt, die über pietistische Einstellungen den Individualismus förderte. Das wiederum führte zu einer gewissen „Tüftler“-Mentalität gefördert durch ihre Situation als Nebenerwerbslandwirte, die dann beispielsweise in den mittelständischen Maschinenfabriken besondere Synergien zur Entfaltung brachte, und heute noch bringt: das Resultat sind technologische Innovationen. Ein weiterer Faktor ist auch die lange historische Kontinuität: während anderswo wie beispielsweise in Sachsen die regionale Entwicklung aus unterschiedlichsten Gründen mehrfach unterbrochen wurde, konnte sich Schwaben kontinuierlich weiterentwickeln – selbst nach 1945, als sich in nahezu allen Regionen Westdeutschlands der schon angesprochene nahezu vollständige Umbruch in der Bevölkerungsstruktur durch das Einströmen der Flüchtlinge  vollzog. Bayern entwickelte sich in dieser Zeit beispielsweise von einer Agrar- zu einer Industrieregion, wobei der Zuzug der Sudetendeutschen, die jetzt sogar als der vierte Stamm Bayerns bezeichnet werden, wichtige wirtschaftliche Impulse brachte. Man kann sogar sagen, dass das Engagement der Flüchtlinge, die sich überall eine neue Existenz nach 1945 aufbauen mussten, das ökonomische Potential Deutschlands (Stichwort Humankapital) stärkte und nach 1949 die damalige DDR schwächte. Andererseits hat der weltweite strukturelle Wandel eine „Kultur“ wie die des Bergbaus auf eine derzeit nur noch folklorehafte Bedeutung zusammenschrumpfen lassen, was sicher nicht an dem Arbeitsethos der Kumpel gelegen hat. Alles in allem, es gibt keine einfachen Erklärungen für kulturelle Prägungen, schon gar nicht Patentrezepte, wie sie sich schaffen oder verändern lassen.

In Italien und Deutschland gibt es ein klares, weitläufiges Nord-Süd- bzw. Süd-Nord-Gefälle, seit der deutschen Einheit kommt ein West-Ost Gefälle hinzu. Wie steht es mit solchen geografischen Besonderheiten in Polen – wirtschaftlich wie kulturell ?

Grzegorz Gorzelak: Am besten geht es zunächst einmal den polnischen Metropolregionen, viel besser als den anderen räumlichen Einheiten. Ein Vergleich der westlichen Regionen Polens mit denen im Osten macht zum zweiten deutlich, dass erstere schneller wachsen und dass einige der östlichen Regionen nicht einmal ein positives Wachstum ausweisen können. Das hat offensichtlich mit ihrem Standort und ihrer Erreichbarkeit zu tun: der polnische Osten ist nicht nur weiter vom Kern Europas entfernt, sondern aufgrund der begrenzten Verkehrsinfrastruktur nur schlecht erreichbar.

Dieses West-Ost-Gefälle lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Der Fluss Vistula „filterte“ seinerzeit als Grenze die Modernisierungswellen und Entwicklungsprozesse, die von Westen nach Polen kamen. Die landwirtschaftlichen Erträge fielen im Osten stets niedriger aus als im Westen. Die zisterziensischen Klöster blieben westlich dieses Flusses. Im Osten – jenseits des Vistula – gab es im Gegensatz zum Westen fast keine Städte. Mit der politischen Spaltung Polens zum Ende des 18. Jahrhunderts kam eine weitere Dimension hinzu: Ost- und Mittelpolen gerieten jetzt unter russische Herrschaft, der Südosten war Teil der Habsburger Monarchie, die westlichen Regionen gehörten zu Preußen. Der Wiener Kongress bestätigte 1815 diese Teilung. In der Folge schritt die Industrialisierung in den westlichen Regionen schneller voran – hier wurden die polnischen Betriebe teilweise von der preußischen Regierung in einen offenen Wirtschaftskampf mit deutschen Konkurrenten aus Preußen gezwungen - und konnten sich behaupten. Aber insgesamt geriet der östliche Teil von Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu den meisten fortschrittlichen Ländern Europas im Westen in Rückstand.

Fernand Braudel hat zur Beschreibung historischer Prozesse den Ausdruck longue durée verwandt. Aus seiner Sicht verändern sich materielle Strukturen wie Städte, Verkehrswege usw. nur langsam, ebenso wie institutionelle und kulturelle Prozesse. Diese „Langsamkeit“ ist prägend für Europa. Was sich über Jahrhunderte entwickelt hat, kann nicht in Jahrzehnten geändert werden, auch nicht durch kompetente und umfangreiche Versuche von Politikern. Das sollte uns Bescheidenheit und Geduld lehren: wir sollten uns dabei nicht durch einige schnelle Veränderungen in Technologie, Wirtschaft und Lebensweise irreführen lassen.

Camagni: In Italien ist das Nord-Süd-Gefälle ebenfalls aus langfristigen, historischen Besonderheiten und Trends entstanden, die sich nun als „Kultur“ manifestieren. Die gegenwärtige Grenze zwischen dem „Dritten Italien“ und dem Mezzogiorno stimmt fast perfekt mit der alten Grenze überein, die das „Latifundum“ in den südlichen Regionen vom kleinen ländlichen Grundbesitz oder „Mezzadria“ – einem Naturalpachtsystem[1] - in den zentralen Regionen trennte. Bei den Bauern handelte es sich um landwirtschaftliche Unternehmer und Entscheidungsträger. Andererseits wurden die Landarbeiter im Süden oft tageweise angeheuert. Sie verkauften ihre Arbeitskraft und warteten auf eine Arbeit von außen.

Die Territoriale Agenda will die Bemühungen regionaler und lokaler Akteure stärken, die endogenen Potentiale ihrer Region besser zu nutzen. Wie können solche Entwicklungen, wie können kreative Milieus in ganz Europa gefördert werden?

Gorzelak: Man kann solche Prozesse nicht „in ganz Europa“ in Gang setzen, das ist einfach unmöglich. Es gibt jedoch viele Regionen, die ihre Chancen noch nicht ausreichend nutzen. Sie muss man mobilisieren. Die Wissenschaft kann hier schon Wege weisen: man muss beispielsweise das humane und soziale Kapital erhöhen. Dazu müssen Menschen und Institutionen überzeugt werden, ihre Politiken auf langfristige Wirkungen auszurichten und nicht auf schnelle Veränderungen zu schielen, die möglichst vor dem Ende der Amtszeit eines Politikers sichtbar werden. Das bedeutet die notwendige Veränderung regionaler Politiken. Sie müssen sich von traditionellen Zielen und Instrumenten, die im Kontext einer ressourcenbasierten Wirtschaft entstanden sind, abwenden und sich auf Ziele und Instrumente eines wissensbasierten Gesellschaftsmodells ausrichten.

Strubelt: Historische Entwicklungen zeigen, dass positive, das heißt kreative Konstellationen entstehen, wenn lokale, regionale, nationale und globale Faktoren zusammenkommen. Wir können auch beobachten, daß sie sich im Laufe der Zeit sehr wandeln können. Nehmen sie beispielsweise das Allgäu. Nachdem der Weideanbau durch das asiatische Indigo verdrängt wurde, das später übrigens wiederum durch die synthetischen Stoffe der deutschen Industrie verdrängt wurde, gelang es mit der Milch und Käsewirtschaft und schließlich mit dem Tourismus eine neue tragfähige Wirtschaftsstruktur zu schaffen. Oder der Aufstieg Finnlands als wichtiges Zentrum für das Design und die Herstellung von Telekommunikationsgeräten kann uns ebenfalls eine Menge über die für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg benötigten Bedingungen und zeitlichen Konstellationen erzählen. Nokia war beispielsweise noch vor 25 Jahren ein Mischkonzern, der auch Gummistiefel herstellte, die wohl alle jetzt in China gefertigt werden, allerdings mit anderen Marken !

Camagni: Die Ausbreitung industrieller Bezirke und lokaler Milieus in den Regionen Süditaliens stellt seit langem eine Herausforderung für Italien dar. Prinzipiell wird dies ermöglicht durch eine organisatorische Flexibilität, die in der Lage ist, lokale Besonderheiten zu berücksichtigen. Und tatsächlich gibt es viele erfolgreiche Beispiele - insbesondere in der Schuh-, Möbel- und Textilbranche in Puglia, in der Textil-, Feinmechanik- und Uhrenindustrie in Campania, in der Agrarindustrie in Sizilien. Doch eines ist klar: das Modell muss von unten her definiert werden, es kann nicht künstlich von außen importiert werden. Anstoß und Antriebskraft können von verschiedenen Akteuren kommen: von großen lokalen Firmen wie im Falle der Möbelindustrie in Puglia oder sogar von großen ausländischen Firmen wie im Fall der integrierten Investitionen des Aga Khan in den 70er Jahren. Der von ihm inspirierte Luxustourismus an der Costa Smeralda auf Sardinien zog eine lange Kette lokaler Aktivitäten in den Bereichen Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Keramikherstellung, Bauindustrie, Verkehr und Schiffsbau nach sich. Ein Nebeneffekt dabei war die Entwicklung von Olbia, einer richtigen Stadt mit allen möglichen städtischen Dienstleistungen.

Gibt es in Europa überhaupt Regionen, die über kein „regionales Potenzial“ verfügen, das mobilisiert werden könnte, um neue Entwicklungen zu initiieren ? Und wenn ja, was kann man für sie tun ?

Camagni: Nein, jede Region hat ein Urpotential, genauso wie jede Gesellschaft durch den Leim des sozialen Kapitals zusammengehalten wird. Es hat mich immer völlig überrascht, dass der Anteil neuer Unternehmensgründungen in Sizilien dem italienischen Durchschnitt absolut ähnlich war, dass die Insolvenzrate dort jedoch viel höher lag! Das Problem besteht darin, die objektiv vorhandenen negativen Auswirkungen der peripheren Lage, der mangelnden Industriekultur, der mangelnden Organisationsfähigkeit zu überwinden. Es handelt sich dabei um Dinge, die dank EU-Förderung oder externer Investitionen mittelfristig zu bewältigen sind. Die wichtigste Aufgabe besteht allerdings darin, die wirklichen Vorzüge, das wahre „territoriale Kapital“ einer Region auszumachen, sie synergetisch miteinander zu verknüpfen und die bestehenden Lücken zwischen dem erforderlichen Dreiergespann Erreichbarkeit – Unternehmertum – Kompetenz zu schließen. Der notwendige interne Zusammenhalt und die Kooperationsfähigkeit könnten auch durch strategische Planungsmethoden im territorialen Bereich gestärkt werden. Ein von mir häufig vorgebrachter Vorschlag lautet: „Verwandeln Sie Eigenheiten in Werte“. Um ein Beispiel zu nennen: man kann periphere Lage durchaus als Wert im Sinne unberührter Landschaft und natürlicher Ressourcen darstellen.

Teilweise versuchen Städte und Regionen, ihre Entwicklung durch große Events und eine spektakuläre Architektur voran zu bringen. Kultur spielt da auch eine Rolle, Stichwort Guggenheim/Bilbao. Kann man mit solchen XXL-Angeboten einen Strukturwandel anstoßen ? Sind dafür besondere Rahmenbedingungen erforderlich, und wenn ja, welche ?

Camagni: Ja, diese Strategie eignet sich für Regionen, in denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die lokale Wirtschaft die Effekte, die durch ein Großereignis erzeugt werden, auffangen kann. Anderenfalls bleibt das Ereignis ein kostspieliger, einmaliger Vorfall. Im allgemeinen sind neben dem großen eigentlichen Ereignis viele ergänzende politische und stadtplanerische Maßnahmen erforderlich: in Bilbao bedeutete dies, den Flughafen und einige Brücken umzugestalten (durch einen weiteren Star-Architekten, Calatrava), das U-Bahnsystem zu bauen, andere Kulturstandorte/Gebäude/Container und die Universität zu mobilisieren usw. … All dies wurde durch eine starke und innovative private Strategie begleitet, die Touristen anziehen sollte.

Regionale Entwicklungspolitik stuft Kultur als einen wichtigen Faktor für die regionale Entwicklung und den territorialen Ausgleich ein, das betrifft sowohl die kulturelle Infrastruktur wie die kulturelle Vielfalt. Welche Maßnahmen oder Programme sollten kulturelle Akteure und die EU-Kulturpolitik vorschlagen, um diese beiden Ziele umzusetzen ? Sollten sich dabei Kulturpolitik und Regionale Entwicklungspolitik besser vernetzen ?

Camagni: Bei der Ministerkonferenz für Raumordnung in Glasgow im Jahre 1998 schlug die italienische Delegation auf Anfrage der Kommission die Wiedereinführung der URBAN-Initiative mit dem Ziel vor, strategische Pläne und Projekte zu fördern, die der Neuinterpretation städtischer Identitäten und deren zukünftiger Entwicklung dienen. Der Vorschlag, sich mit städtischen Identitäten zu beschäftigen, wurde als zu eng mit den italienischen Interessen verknüpft angesehen und daher nicht unterstützt - außer vom damaligen deutschen Minister. Vielleicht sieht die Sache jetzt anders aus, doch wichtig bleibt, dass die Strategien von unten her entwickelt und durchgeführt werden.

Kann „Kultur“, können kulturelle Prägungen auch Innovation und regionale Dynamik behindern?

Gorzelak: Natürlich. Deshalb sollte man eher auf grundlegende, basisorientiertere Prozesse setzen, statt zu versuchen, Veränderungen „an der Spitze“ zu konzentrieren. Es ist wichtig, die kulturelle Dimension von Entwicklung zu verstehen. Die Forschung etwa von Andres Rodriguez-Pose zeigt, dass die Verbesserung des allgemeinen Bildungsniveaus – langfristig – eine vielversprechende Strategie ist. Man muss sich von der traditionellen Politik absetzen, die „Kirchen in Wüsten“ zu bauen pflegt. Früher waren es große Stahlwerke und Autofabriken, heute sind „Technologieparks“ und „innovative Cluster“ an ihre Stelle getreten, die weniger entwickelte, periphere Regionen beleben sollen.

Strubelt: Wir sollten nicht meinen, in allen Teilen der Welt wirtschaftlich homogene Regionen schaffen zu  können. Die natürliche und menschliche Kultur sollte vielfältig bleiben, denn sie spiegelt den Reichtum der Erde und der Menschheit wider, den es zu befördern gilt. In der regionalen Politik kommt es auf die richtige Mischung endogener und exogener Potentiale an und auf den richtigen Zeitpunkt. Ein Beispiel ist so auch die Geschichte von Silicon Valley, ein anderes die erfolgreiche Kombination von Laptops und Lederhose in Bayern - als Image. Andere Regionen haben sich durch ein anderes regionales Management weiterentwickelt und auch einen dauerhaften Erfolg schaffen können. Es gibt dafür keine Patentrezepte. So wie die Schaffung von Gründerzentren in einigen Fällen erfolgreich war, etwa an der Universität Dortmund, um ein Beispiel zu nennen, so hat es gerade auch in Nordrhein-Westfalen andere Beispiele gegeben, wo eine politisch gewollte und finanzierte Innovation nicht erfolgreich gewesen ist.. Aber manchmal ist es sogar besser Fehler zu analysieren, als zu versuchen, die Erfolgsstories analytisch zu zerlegen, um sie anderswo zu mehren.

Die „Territoriale Agenda“ finden Sie  hier

Mehr zu Regionalpolitik der EU  hier

Roberto Camagni, Berater der italienischen Regierung, Milano; Grzegorz Gorzelak, Universität Warschau, Polen; Wendelin Strubelt, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Bonn.

 

 

[1] Anm. des Übersetzers: Als Naturalpacht oder Sharecropping wird ein System landwirtschaftlicher Produktion bezeichnet, bei dem ein Landbesitzer einem Pächter oder 'Sharecropper' erlaubt, ein Stück Land zu bewirtschaften und im Gegenzug einen Anteil der Ernte erhält, die von dem Sharecropper auf dem Stück Land erwirtschaftet wurde (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Naturalpacht).

 


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