Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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05.12.2007

Cinema digital

Ins Kino gehen steht europaweit auf Platz 1 der kulturellen Freizeitvergnügen. Hier wird sich in den nächsen Jahren einiges ändern, auch wenn der Zuschauer das nicht unbedingt merken wird.

Hollywood verbreitet Aufbruchstimmung. In den USA haben Investoren wie Digital Cinema Integration Partners (DCIP) 2008 zum „Schlüsseljahr für den digitalen Roll-out“ erklärt. Die Zahl der dortigen Digital-Kinos soll in den nächsten zwölf Monaten von etwas über 4.000 auf knapp 20.000 steigen. Zugleich wird bereits für die nächste Innovation getrommelt. Neben der digitalen Technik soll in die Kinosäle ein zusätzliches 3-D-System eingebaut werden, das ein völlig neues Sehgefühl vermitteln und damit die Attraktivität der Lichtspieltheater erhöhen soll. Druck machen die großen Studios und Produzenten wie Dreamworks-Chef Jeffrey Karzenberg, der im März 2009 „Monsters vs. Aliens“ dreidimensional uraufführen will. Dann hofft er auf 6.000 3 D-Leinwände allein in den USA – derzeit sind es knapp tausend. Auch in China, Indien und Brasilien wird umgerüstet. Von den derzeit rund 150.000 Kinos weltweit soll bald ein gutes Drittel über die neue digitale Projektion verfügen.

In Europa vollzieht sich die Schleifung der letzten analogen Bastion der Medienlandschaft eher schleppend. Zwar hat schon vor vier Jahren das United Kingdom Film Council 13 Millionen Pfund für die Digitalisierung von 250 Kinosälen auf der Insel zur Verfügung, gestellt, einem Viertel der dortigen Leinwände. Passend dazu sollte das Digital Screen Network (DSN) das Abspiel europäischer Filme in der neuen Technik fördern. In Irland werden von einer amerikanischen Investorengruppe die dortigen rund 500 Kinosäle für ca. 40 Millionen Euro umgerüstet - die Iren gehen von allen Europäern m meisten ins Kino. Und in Wien installiert Sony im dortigen Cineplexx gerade seine neuesten Digitalprojektoren, deren Bildauflösung derzeit kein anderes Gerät bietet. Doch die Skeptiker überwiegen - noch. Das liegt vor allem an der offenen Finanzierung. Den Filmverleihen bringt die neue Technik erhebliche Kostenvorteile. Eine Digitalkopie ist erheblich preiswerter als die traditionelle 35-mm-Rolle – der „kleine Unterschied“ schwankt je Kopie zwischen 500 bis 900 Euros oder 800 bis 1.300 Dollars. Allein in den USA werden die jährlichen Einsparungen auf 800 Millionen Dollars geschätzt. Dem gegenüber kostet die Installation der neuen Anlagen in einem Kino zwischen 50.000 und 100.000 Euro. Doch dem Kinobesucher ist in der Regel egal, wie eine gute Projektion zustande kommt, die große Mehrheit wird auch kaum einen Unterschied zum analogen Standard bemerken. Das digitale Bild ist so keine Attraktion an sich und rechtfertigt weder eine Preiserhöhung noch wird es allein die Zahl der verkauften Kinokarten erhöhen. Ein Return of Investment an der Kinokasse ist also mehr als unwahrscheinlich. Wer soll also die Innovation bezahlen? Vor allem kleinere Kinos und Arthouse-Kinos verfügen kaum über „adäquate Finanzierungsmöglichkeiten am Kapitalmarkt“, so die deutsche AG Kino. Auch Förderprogramme sind rar. Beispielsweise unterstützt die EU zwar seit längerem die Digitalisierung von Filmen mit dem MEDIA Programm. Sie wird aber in diesem Rahmen auf keinen Fall die Umrüstung von Kinos finanzieren. Zugleich macht „nur eine flächendeckende und systematische Versorgung der Branche mit digitalen Projektoren Sinn“, so der HDF Kino als Vertreter der deutschen Kinobetreiber. Und - so muss man hinzufügen – eine Verständigung über die technischen Standards weltweit, denn die Film- und Kinobranche ist international.

Digitale Standards

Als technischer Standard des digitalen Kinos sind inzwischen die Vorschläge der us-amerikanischen Digital Cinema Initiatives (DCI) weitgehend akzeptiert. DCI ist ein Zusammenschluss der sieben Majors Buena Vista, Century Fox, MGM, Paramount, Sony, Universal und Warner Bros. mit der National Association of Theater Owners (NATO), dem Verband der Kinobetreiber. DCI kontrolliert 95 Prozent des US-Filmmarktes. 2005 wurde die DCI-Norm in zwei Varianten festgelegt. Beide – die 4K-Master wie die 2 K-Auflösung – sollen möglichst nah an die Qualität des Zelluloidfilms heranreichen und sich deutlich von der des HDTV abheben. Die Kinoprojektoren sollen beide Formate wiedergeben können. Derzeit stellt nur Sony die 4K-Master-Variante her. Ein Jahr später sprachen sich auch die Europa Cinemas, ein Zusammenschluss mit Mitgliedern in 38 Staaten, für diesen Standard aus. In China, Indien und Brasilien ist er ebenfalls präsent. Vor einigen Wochen haben die deutsche Filmförderanstalt (FFA) und das französische Centre National de la Cinématographie (CNC) vereinbart, als „Europäische Kernkompetenz“ für eine sachgerechte Einführung in Europa einzutreten.

Parallel zum technischen Standard hat DCI auch ein Finanzierungsmodell entwickelt, das die Kosten des Roll-out angemessen zwischen Verleihen und Kinobetreibern verteilen soll. Die Verleiher stellen einen Teil des durch den digitalen Vertrieb eingesparten Geldes einem Investor zur Verfügung, der das Kino umrüstet und die Standards garantiert. Diese Abgabe firmiert unter der Bezeichnung „Virtual Print Fee“ (VPF = virtuelle Kopienkosten). Eine Übernahme dieses Modells ist auch für Europa im Gespräch. So haben sich die DCI-Mitgründer Fox, Universal sowie Paramount mit dem britischen Digitalspezialisten Arts Alliance Media (AAM) darauf verständigt, europäischen Kinobetreibern dabei eine Kostenteilung im Verhältnis 70 : 30 anzubieten. Insgesamt soll es dabei um rund 7.000 Leinwände gehen. Aber die europäische Kinolandschaft ist kleinteiliger als die der USA, es gibt eine Vielzahl mittelständischer Verleihe und Kinobetreiber, die einerseits für eine Titelvielfalt sorgen, andererseits ihr Geschäft nach anderen Kriterien als die US-Multis betreiben – etwa, was die Zahl der Filmkopien und die Häufigkeit ihres Einsatzes über einen längeren Zeitraum hinweg betrifft. Jedenfalls wurde auf der im November abgehaltenen Jahrestagung der Europa Cinemas noch einmal deutlich, dass nur ein modifiziertes VPF-Modell den besonderen Gegebenheiten des kleinteiligen europäischen Kinomarktes gerecht werden kann. Kritisiert wird vor allem, dass VPF nur in Rechnung stellt, dass eine Filmkopie in einem Kino eingesetzt wird, nicht aber, wie oft und vor wie viel Zuschauern. Auf der EC-Jahrestagung wurde dazu ein Time-Fee Modell vorgestellt, das die für einen Film aufgewandten Betriebsstunden zur Basis macht. Um zu verhindern, dass es zu Verzerrungen zulasten eines der Partner kommt, wird ein „Tarifsystem“ entwickelt, das fixe und variable Kosten des Betriebs sichtbar macht und Einsparungen entsprechend ausweist. Hinzu kommt ein Digital Cinema Fund, der europäisch wie national gestaltet werden kann.

Aus ähnlichen Gründen in der Kritik ist auch ein von der Unternehmensberatung Price Waterhouse Cooper (PwC) im Auftrag der FFA entwickeltes Modell. Es sieht vor, dass die Verleihe pro digitale Kopie einen festen Betrag als „conversion fee“ in einen Fund einzahlen, aus dem die Kinos wiederum einen festen Betrag pro System/Saal als „conversion grant“ erhalten. Ergänzend wird eine öffentliche Förderung für wirtschaftlich weniger leistungsfähige Kinos vorgeschlagen. Bisher hat jedenfalls keines der vorgelegten Finanzierungsmodelle Wunsch der Kulturpolitik erfüllt, möglichst „alle Kinounternehmen, die es denn wollen, an der Digitalisierung partizipieren zu lassen“, so Kim Ludolf Koch von rinke medien consult.

Informationen zur 12. Jahreskonferenz von Europa cinemas finden Sie hier

Die Filmförderungsanstalt (FFA) informiert über das digitale Kino

Der Einführung des digitalen Kinos hat sich auch das European Digital Cinema Forum (EDCF) geschrieben. Mehr hier

CinemaNet Europe (CNE) vertreibt digitale Arthouse-Filme und Dokumentationen. Das Netzwerk hat in einzelnen Ländern unterschiedliche Namen: „Delicatessen“ in Deutschland, Novociné in Frankreich oder DOCU Zone Austria. Mehr hier

 

 

 

 


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