Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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15.05.2007

Im Gespräch: Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt

Unter dem Titel  „Kulturhauptstadt Europas – mehr als ein Event“ beschäftigt sich das Forum 7 des Vierten Kulturpolitischen Bundeskongresses mit einer der wenigen Erfolgsstories der europäischen Kulturpolitik. Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt führen die Geschäfte von „Ruhr 2010“, der Kulturhauptstadt Europas.

Das Programm „Kulturhauptstadt Europas“ ist ein Erfolgsmodell geworden. Was macht seinen Erfolg aus Ihrer Sicht aus ? Was gehört heute zu einem guten „Hauptstadt-Konzept“ ?

Fritz Pleitgen: Europa hat zurzeit ein schwieriges Verhältnis zu seinen Bürgern. Das Scheitern der Verfassung in zwei europäischen Kernländern ist Ausdruck einer tiefen Skepsis gegenüber den für die meisten Bürger undurchschaubaren EU-Strukturen. Obwohl jedem politisch denkenden Menschen klar sein muss, dass wir der Europäischen Union den dauerhaftesten Frieden und den stabilsten Wohlstand in der Geschichte Europas verdanken, lieben sie sie nicht. Vielmehr fühlen sie sich durch EU-Beiträge ihres Landes geschröpft und durch Verordnungen aus Brüssel gegängelt. Vor diesem dunkel getönten Hintergrund strahlt die Kulturhauptstadt Europas umso heller. Hier nimmt Europa nichts, sondern gibt: Öffentlichkeit, Chancen, Prestige und sogar ein wenig materielle Unterstützung. Europäische Kultur bleibt von all dem Unbehagen an Europas Politik und Verwaltung gänzlich unberührt. Auf diesem Gebiet können die Bürger Europas wirklich Europäer sein. Sie erreicht ihre Herzen und macht sie stolz – sogar gegenüber Amerika, das europäische Kulturorte im Disney-Format kopiert. Deshalb ist ein „Hauptstadt-Konzept“ nur dann gut, wenn es dazu beiträgt, Europa, wie Jacques Delors sagte, „eine Seele zu geben“ und seine Bürger von Europa zu überzeugen.

Die deutsche Jury hat in der Bewerbungsphase von einem „Subtext“ gesprochen, der jede europäische Kulturhauptstadt prägt. Ihr soll danach ein Vorbildcharakter im internationalen Diskurs um „Global City“ zukommen. Was heißt das für Ruhr 2010 ?

Oliver Scheytt: Das, was Global Cities ausmacht, nämlich die Konzentration von Produktionssteuerung und Finanzdienstleistung in weltweitem Maßstab, löst bei ihren Bewohnern keine Verbundenheit aus. Zwar erwarten alle europäischen Kulturhauptstädte auch eine Stärkung ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, aber ihre eigentliche Aufgabe besteht darin, ein kulturgeprägtes ideelles Gegengewicht zur grenzenlosen Ökonomisierung der Welt und aller Lebensbezüge zu schaffen. Für RUHR.2010 heißt das in besonderer Weise, Identität stiftend zu wirken, da das alte Industrierevier Ruhrgebiet noch im Begriff ist, sich selbst neu zu erfinden und über die Kultur zu definieren, nachdem ihm die Wurzeln gekappt und viele seiner Bewohner durch den Verlust ihres Lebensmittelpunktes Arbeit gleichsam heimatlos wurden.

Welche Rolle spielen Marketing, mediale Kommunikation und Kulturtourismus für Ihr Verständnis der „Kulturhauptstadt Europas“?

Pleitgen: Eine ganz entscheidende, wobei wachsender Kulturtourismus eine erwünschte und erwartete Folge medialer Kommunikation ist. Das heutige Ruhrgebiet ist wahrscheinlich die unbekannteste und am meisten unterschätzte Region Europas. Jeder glaubt zwar, etwas über uns zu wissen, meint jedoch damit die Bilder aus den 50er Jahren. Deshalb leidet das Ruhrgebiet viel weniger an seiner Wirklichkeit als an seinem Image, das zu korrigieren die wichtigste Aufgabe des Kulturhauptstadt-Marketings sein wird. Eine Image-Anpassung an die Gegenwart kann und soll sich langfristig positiv auswirken auf die Entwicklung neuer Beschäftigungsfelder, vor allem in der Kreativwirtschaft und im Tourismus, auf das Interesse potenzieller Investoren und nicht zuletzt auf das Selbstbewusstsein der Ruhrgebietsbewohner.

1990 hat Glasgow erstmals gezeigt, wie sich eine Kulturhauptstadt völlig neu erfinden kann. Das damalige Konzept zielte nicht nur auf die Präsentation von Kunst und Kultur, sondern auf einen Imagewechsel, eine Stadterneuerung inkl. der Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität. Haben Sie davon gelernt?

Scheytt: Der Vergleich mit Glasgow ist durchaus treffend. Hier wie dort die dominierende industrielle Vergangenheit und die Neudefinition mit Hilfe von Kunst und Design. Auch Glasgow war – wie das Ruhrgebiet – besser als sein Ruf und hat sein Kulturhauptstadtjahr dazu genutzt, der Welt das junge, kulturell aufgeschlossene und touristisch erlebnisreiche Glasgow zu zeigen, neue Bilder in den Köpfen zu prägen. Die sind hängengeblieben. Insofern ist Glasgow auch ein gutes Vorbild für Nachhaltigkeit, dem wir gewiss folgen werden. Doch seit 1990 hat sich auch viel verändert. Weil die Bedingungen einer Kulturhauptstadt Europas zwanzig Jahre später andere sind, pflegen wir einen intensiven Austausch mit den Kulturhauptstädten von 2007 bis 2011. Der Stadterneuerung bzw. Verbesserung der Lebensqualität messen wir so große Bedeutung bei, dass wir bei der RUHR.2010 GmbH zur Vorbereitung der Kulturhauptstadt sogar eigens für dieses Thema einen künstlerischen Direktor eingestellt haben. Es gibt nach Glasgow noch ganz wunderbare Beispiele für gelungene Stadtsanierungen. Etwa Genua, das wegen seines finsteren Hafenviertels und seiner heruntergekommenen Altstadt als Schmuddelkind Oberitaliens galt. Als Genua zur Kulturhauptstadt nominiert wurde, haben Italien und Europa entzückt beobachtet, wie aus dem hässlichen Entlein ein schöner Schwan wurde. Allerdings standen ihm dafür rund 180 Millionen Euro zur Verfügung. Davon können wir nur träumen. Doch werden wir mit unseren beschränkten Mitteln so viel wie möglich anstoßen und auf privates Engagement hoffen.

Bedeutende Großveranstaltungen mit weltweiter Ausstrahlung nehmen zu. 2010 findet neben der Kulturhauptstadt Europas mit der Ruhrregion, Pecs und Istanbul auch die Weltausstellung in Shanghai und die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika statt. Starke Konkurrenz im Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit ? Bewegen sich Projekte wie die Kulturhauptstadt im globalen Wettbewerb ?

Pleitgen: Es gibt heute schon Kulturereignisse im Ruhrgebiet mit internationaler Ausstrahlung, die 2010 einen ersten Höhepunkt erreichen werden. Dennoch ist mit der Weltausstellung in Shanghai und der Fußball-WM in Südafrika der Konkurrenzrahmen wohl noch ein bisschen weit gesteckt. Innerhalb Europas haben wir natürlich bereits eine lebhafte Konkurrenz und sind zuversichtlich, dass der Kulturtourist sich bei der Wahl zwischen einem Jazz-Festival in Paris, einer Ausstellung in London und der RuhrTriennale immer häufiger für die Metropole Ruhr entscheiden wird.

Neben der internationalen Ausstrahlung geht es bei der Kulturhauptstadt immer auch um die Würde des Lokalen, um die Umbrüche in den Städten, um lokale und regionale Nachhaltigkeit – in der Regel verorten sich Kulturhauptstädte in ihrer Region. Welches Modell für eine nachhaltige Kulturpolitik verfolgen Sie?

Pleitgen: Wir verstehen die Kulturhauptstadt nicht als ganzjähriges Festival mit Schlussfeuerwerk, sondern als hochkarätiges Entwicklungsprogramm, das bereits mit den Vorbereitungen auf 2010 beginnt und 2011 mit Sicherheit noch nicht abgeschlossen sein wird. Ziel ist es, durch strukturelle Veränderungen in der Region die kulturpolitischen Voraussetzungen für ein dauerhaftes Zusammenwachsen der Ruhrstädte zu schaffen.

Scheytt: Insbesondere geht es um den Bau von Kommunikationsbrücken und Netzwerken. Ein optimales Instrument wäre das regionale Kulturbüro mit eigenem Kultur-Etat. Aber bis dahin ist der Weg noch weit. Wie weit auch immer, eine Alternative zur Kulturmetropole Ruhr gibt es nicht. Uns in Europa auf den vorderen Rängen zu positionieren und uns auf diese Weise endlich vom Negativ-Image des Sorgenkindes zu befreien und unsere Stärken in der Kultur und der Kreativwirtschaft, der Forschung und Entwicklung, nicht zuletzt der Integration verschiedenster Nationalitäten auszuspielen, das gelingt uns nur als Region Ruhr, nicht als Essen oder Duisburg oder Dortmund.

Pleitgen: Von der Kulturhauptstadt gehen innerhalb dieses Prozesses entscheidende Impulse aus. Durch diese einmalige Chance haben die Ruhrstädte konkret erfahren, wie viel sie erreichen können, wenn sie ihre Kräfte bündeln, und sind daher heute zu großen und anstrengenden Schritten in Richtung Region bereit.

Es wird selten darüber berichtet, dass die Kulturhauptstädte auf Dauer zusammenarbeiten, kommunizieren, sich beraten und in Kontakt bleiben. Ist dieses Netzwerk ein Modell für ein Europa von unten ?

Pleitgen: Ganz bestimmt. Hier entstehen belastbare Verbindungen auf allen Ebenen der lokalen und regionalen Kultur, Verwaltung und Politik. Auch nicht-institutionalisiertes bürgerschaftliches Engagement findet in diesem Netzwerk Anknüpfungspunkte. Erst im April waren Vertreter der elf gegenwärtigen und künftigen Kulturhauptstädte bis 2011 im Ruhrgebiet zu Gast, um voneinander zu lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Projekte zu verabreden. Da bahnen sich bereits sehr gute Kontakte und transnationale Freundschaften an, wie sie sich am besten auf der Basis gleicher Interessen und vergleichbarer Erfahrungen entwickeln.

Eine Kritikerin hat einmal davon gesprochen, nirgends werde die Kluft zwischen einer misslungenen europäischen Kulturpolitik und dem Enthusiasmus von Kulturschaffenden für Europa so deutlich wie bei der Kulturhauptstadt. Die EU zahle wenig Fördergelder, kassiere aber einen immensen Imagetransfers aus dem Erfolgsmodell. Würden Sie dem zustimmen ?

Scheytt: Sehr bedingt. Natürlich würden wir uns über deutlich höhere Zuwendungen seitens der EU freuen. Die Finanzmittel aus Brüssel machen im Kulturhauptstadt-Etat wirklich nur einen sehr kleinen Teil aus. Die EU-Kulturpolitik aber deshalb als misslungen zu denunzieren, ist ungerecht. Auch ohne die wünschenswerte finanzielle Ausstattung durch die EU zieht ja die jeweilige Kulturhauptstadt einen enorm hohen immateriellen und in der Folge oft auch materiellen Gewinn aus ihrem von Brüssel verliehenen Status.

Stellen wir uns einmal vor, wir befinden uns im Jahr 2020. Woran werden sich die Bewohner der Ruhrregion beim Stichwort 2010 erinnern ?

Pleitgen: An das Jahr, das die 53 Städte und Gemeinden des Ruhrgebiets zur Kulturmetropole Ruhr verschmolz und die Oberhausener, Essener, Bottroper, Gelsenkirchener oder Dortmunder zu selbstbewussten und weltoffenen Ruhrbürgern machte.

Die Fragen stellte Wolfgang Hippe.

Prof. Dr. h. c. Fritz Pleitgen ist Vorstand der Geschäftsführung der Ruhr 2010 GmbH. 1995-2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunks. 2002-2006 Vizepräsident der Europäischen Rundfunkunion (EBU), seit 2006 Präsident. Seit 2003 Vorsitzender des Kuratoriums der CIVIS medien stiftung für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa.

Prof. Dr. Oliver Scheytt ist Kulturdezernent der Stadt Essen und Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH. Seit 1997 Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., Bonn


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