Muslime in Europa
Der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner möchte ein vom weltberühmten Künstler Gerhard Richter gestaltetes Kirchenfenster lieber in einer Moschee sehen, weil es ihm missfällt. Nikolaus Schneider, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, sieht in der geplanten Kölner Moschee eine „anmaßende“, „imperiale“ und „triumphierende“ Geste. Auch Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, mahnt muslimische Bauherren zu mehr Bescheidenheit, weil die Mehrheitsgesellschaft Moscheen als „fremdländisch“ ansieht und deren Minarette „als Herrschaftssymbole ins Auge stechen“. Die drei religiösen Führer stehen bei der aktuellen Auseinandersetzung um die religiöse Freiheit deutscher Muslime nicht allein. In Deutschland gewinnt „Religion“ offensichtlich dann an Gewicht, wenn es um Weltanschauungen von „Fremden“ und Minderheiten geht und dabei Ängste mobilisiert werden können. Aus dem Blick gerät leicht die „unspektakuläre postmoderne Alltagspraxis“ der überwiegenden Mehrheit der Migranten, die damit zusammenhängende Vielfalt und Diversität in der Gesellschaft wird eher als Gefahr verbucht.
Generell schätzen zwei Drittel der Deutschen das Verhältnis zwischen der muslimischen und der westlichen Welt als schlecht ein. Knapp die Hälfte davon gibt dafür allein den Muslimen die Schuld. Als wesentliche Ursache für den fehlenden Wohlstand in der muslimischen Welt nannten etwa die bei einer weltweiten Umfrage interviewten Deutschen zu 53 % den islamischen Fundamentalismus. Selbst in den USA sahen das nur 32 % so. Dort wie in Großbritannien und Spanien gilt Korruption als Hauptgrund, die befragten Franzosen vermuten die fehlende oder fehlerhafte Demokratie als Ursache – so eine Umfrage des Pew Global Project.
Nach der Beurteilung ihrer Lage befragt, liefern die Muslime in Europa selbst ein differenziertes Bild von sich. Vor allem beschäftigt sie durchgehend die Sorge um den Arbeitsplatz, sie rangiert überall auf Platz 1. Erst dann folgen vorgegebene Themen wie „islamischer Extremismus“, „Niedergang der Religion“, der „Einfluss der Pop-Kultur“ oder die „moderne Frauenrolle“. Bei den Antworten unterscheidet sich Großbritannien deutlich von Kontinentaleuropa. Sorgen um Religion und von ihr beeinflusste Werte sind auf der Insel allemal höher angesetzt als in Frankreich, Deutschland oder Spanien. Die moderne Rolle der Frau etwa gibt nur 9 % der deutschen, 10 % der spanischen und 16 % der französischen Muslime Anlass zur Besorgnis. Die Mehrheit in den drei Ländern denkt sogar, dass die Lebensqualität für muslimische Frauen in Europa deutlich besser ist als in muslimischen Ländern. Diese Ansichten gefährden aber keineswegs die eigene „islamische Identität“, die die Muslime in allen Ländern für sich beanspruchen. Deutlicher Ausreißer ist hier Deutschland: während 84 % der befragten Deutschen bei den im Land lebenden Muslimen eine solche Identität feststellen, stimmen dem nur 46 % der deutschen Muslime zu. Kleine Kuriosität am Rande: die Pew-Umfrage stellt fest, dass allen Unkenrufen zum Trotz Einwanderer aus dem Mittleren Osten und Nordafrika sowie Osteuropa in den meisten europäischen Ländern überwiegend willkommen sind. Ausnahme hier wiederum Deutschland: sowohl bei den Deutschen wie den deutschen Muslimen lehnt eine Mehrheit die Zuwanderer ab. Bei Neuankömmlingen aus dem Mittleren Osten/Nordafrika sind es 59 % , bzw. 46 %, bei den Osteuropäern 59 %, bzw. 60 %.
Die Untersuchung “Conflicted Views in a divided World” des Pew Global Project finden Sie hier
Einen Essay über „urbanen Wandel durch Migration“ am Beispiel eines Stadtteils finden Sie hier
Einen prominenten Diskussionsbeitrag zur „Türkengefahr“ finden Sie hier
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