Die dynamische Kultur der Einwanderungsgesellschaft
Dieter Kramer
Der von mir sehr geschätzte Mark Terkessidis übt herbe Kritik ( hier
) am Kapitel Interkultur der Enquete-Kommission Kultur in Deutschland. Solche Texte sind Erzeugnisse von oft schwierigen Kompromissen. Aber ich habe den Eindruck, er und ich haben ganz verschiedene Texte gelesen.
Terkessidis wirft dem Text „Weltfremdheit“ vor, geht aber überhaupt nicht auf ihn ein, sonst hätte er Passagen zur Kenntnis nehmen müssen wie die folgenden: „Die Zuwanderung von Menschen aus verschiedenen angrenzenden und weit entfernten Regionen und die Zusammenarbeit mit ihnen waren und sind zentral für die Entwicklung Deutschlands. Menschen mit Migrationshintergrund auf ihren Bezug zu einer bestimmten Ethnie zu reduzieren, ist falsch. Sie sind Teil der Kultur in Deutschland. Schließlich ist Kultur etwas, das durch unterschiedliche soziale Prozesse entsteht und sich verändert.“ (S. 310) Und: „Kultur in Deutschland hat sich durch Migrationsprozesse verändert, weil sich im Ergebnis von Arbeitsmigration, Vertreibungen und Flucht auch Ethnien fortlaufend verändern. Dieser Veränderungsprozess hat in allen Phasen deutscher Geschichte immer wieder stattgefunden. In Migrationsgesellschaften entwickeln sich kulturelle Prozesse im Mit- und Nebeneinander von Menschen und Gemeinschaften unterschiedlicher kultureller Prägung.“ (S. 311)
Querschnittsaufgabe
Wir finden die von Terkessidis geforderte Anerkennung von Interkultur als „Querschnittsaufgabe“ (S. 309) - sicherlich vielfach nur verbal, aber auf Passagen des von allen Parteien (auch der CSU) akzeptierten Textes kann man sich berufen, etwa auch in der leidigen Debatte über „Leitkultur“: Die „Leitkultur“ wird mit den zitierten Formulierungen eigentlich verabschiedet, und das Wort taucht auch in diesem Kulturbericht nicht ein einziges Mal auf. Kultur in Deutschland wird als dynamischer Prozess verstanden; was bleibt, ist die alle bindende Rechtsordnung. Auf einem solchen Verständnis von Kultur als dynamischer Prozess in ethnisch gemischten Gesellschaften basiert auch das Sondervotum zur Kulturförderung in § 96 des Bundesvertriebenengesetz, das sich dagegen wehrt, von ehemals „deutscher Kultur“ in osteuropäischen Regionen zu sprechen, vielmehr das (historische) Feld interkultureller Dynamik betont (.S. 668).
Der Text der Enquete-Kommission ist im Kontext des politisch-parlamentarischen Feldes zu verstehen, wo diplomatisch ausgehandelte Formelkompromisse eine Rolle spielen. Auch das, was Terkessidis als „zusammenhanglos“ moniert, ist dem Kompromisscharakter eines solchen Textes geschuldet. Aber es lohnt sich, auch folgende Formulierung genauer anzuschauen: „Interkultur in Deutschland bedeutet mehr als nur eine Nische ‚Migrantenkultur’. Wenn man es ernst nimmt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, dann wird Interkulturalität Teil des allgemeinen kulturellen Lebens. Dies verlangt, dass Interkultur (das heißt Strukturen, in denen die Einflüsse und Impulse von Milieus mit unterschiedlicher kultureller Prägung aufeinander treffen oder diese Milieus sich entfalten) im Bereich ‚Kultur’ allgemein ressortiert und wie zum Beispiel Oper, Theater oder Brauchtumspflege im allgemeinen Kulturkontext und –etat gefördert wird.“ (S. 314).
Interkultur/Migrantenkultur
Immerhin ist, und das war lange Zeit ein Desiderat, damit die „Migrantenkultur“ (im Text deutlich unterschieden von „Interkultur“, S. 308/309) herausgeholt aus dem Sozial-Ressort, wo sie trotz vorbildlicher Programme in manchen Kommunen immer noch ressortiert. Das war vielleicht eine Zeit lang nicht schlecht, weil damit auch die Verbindung von sozialer Lage und kulturellen Artikulationsformen unterstrichen wurde. So brauchte das „interkulturelle Mainstreaming“ nicht zu einer Nische für die Elite der Migranten zu werden. Bis die eigenen kulturellen Traditionen der „Communities“ und die im migrantischen Milieu sich abspielenden Kulturprozesse in den Theatern und Museen landen, dauert ohnehin noch lange, zumal diese Milieus große Unterschiede aufweisen und inkonsistent sind. Und es kommt ja auch nicht nur auf sie an, sondern auch auf die Bearbeitung der Lebensprozesse in der Einwanderungsgesellschaft in allen Sphären und Sparten des kulturellen Lebens.
Anerkannt wird in dem Bericht, dass Kultur sich durch die Migration verändert hat und dies weiterhin tut (S. 311, bei allen Unklarheiten über das, was Kultur eigentlich meint). Die Vorstellung von „Wir“ und den „Anderen“ erscheint zwar immer noch direkt und indirekt im Text (z. B. S. 309), aber ganz ist sie auch nicht aus dem Selbstverständnis der migrantischen Milieus auszutreiben. Das gleiche gilt für die von Terkessidis kritisierte Verwendung von Kultur als „Schmiermittel“, die von den Politikern immer wieder versucht wird. Eine solche Instrumentalisierung wird übrigens nirgendwo deutlicher praktiziert als bei dem von Terkessidis gelobten „diversity management“ der Unternehmen, mit denen deren Ertragslage verbessert werden soll.
Die etablierten Institutionen müssen (müssten) sich verändern, wird gefordert: Das ist freilich ein komplexer Prozess, der nicht auf Befehl in Gang gesetzt werden kann. Vor 40, 50 Jahren war im Programm „Kultur für alle“ nicht die ethnische, sondern die soziale Vielfalt der Ausgangspunkt. Die Auseinandersetzung mit Problemen der Arbeitswelt, mit Demokratie, mit offenen Fragen der Entfaltung politischer Alternativen prägte das kulturelle Leben auch der Institutionen (mit harten Brüchen, wie sie z. B. Peter Weiss in Düsseldorf erlebte, als die Linken seine linke Inszenierung durch die Besetzung des Theaters störten). Barrierefreiheit statt einer Nische für das aussterbende Bildungsbürgertum war einst das Programm, das sich in dem Maße realisierte, wie ein (auch ökonomisch-betriebswirtschaftlich) nachfragendes Publikum dazu anregte. Wenig ist heute davon übrig geblieben. Heute schielen manche Institutionen zwecks Existenzsicherung nach neuem Publikum mit Migrationshintergrund, weil das Bildungsbürgertum wieder einmal auszusterben scheint.
Integration/Respekt
„Integration“ ist interpretationsbedürftig: „Gelungene Integration bedeutet friedliches Zusammenleben in gegenseitigem Respekt“ (S. 309) formuliert der Bericht, und dass Integrationsdefizite nicht nur bei den Migranten gesehen werden, dafür hat Hakki Keskin (Die Linke) in der Kommission gesorgt. Was aber sind die Hauptprobleme bei der (fehlenden bzw. unzureichenden) Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, bezogen auf deren Lebensqualität und Lebenspraxis? Welchen Beitrag kann Kultur unter welchen Voraussetzungen für den Umgang mit diesen Problemen leisten? Diese Frage wird von dem Bericht nicht ausreichend beantwortet, weil auch nicht deutlich genug definiert wird, was Integration ist. Das aber geschieht ohnehin derzeit nirgendwo.
Interkultur hätte sich „als Fragestellung durch den gesamten Bericht ziehen müssen“, fordert Terkessidis. Das könnte man auch für die sozialen Dimensionen des Kulturprozesses fordern. Aber der ganze Bericht ist gekennzeichnet von der Spannung zwischen dem erweiterten Kultur-Verständnis in der Einleitung und einer starken Orientierung auf die Institutionen der „Hochkultur“. All das erschließt sich freilich erst bei genauerer Lektüre und integraler Analyse des gesamten Textes.
Dr. Dieter Kramer (ao. Prof. Univ.Wien)
Zitate nach der Druckfassung „Kultur in Deutschland. Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages“, Regensburg: Conbrio Verl. 2007
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