Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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06.12.2008

Gibt es so etwas wie Roma-Kunst?

Tímea Junghaus

Jahrhunderte lang war das Volk der Roma Gegenstand beziehungsweise Opfer von Darstellungen, die ausschließlich von Nicht-Roma erzeugt wurden. Als Sujet in der Malerei wurden die Roma von Künstlern romantisiert, und bis heute beschwört die Vorstellung einer „Zigeunerromantik“ Bilder von »barfüßigen TänzerInnen« herauf, »die fröhlich auf Tamburine einschlagen«. Der erste Roma-Pavillon auf der Biennale von Venedig im Jahre 2007 war ein erster bedeutender Schritt um der zeitgenössischen Roma-Kunst das Publikum zuzuführen, das sie verdient. Sechzehn Roma-Künstler aus acht europäischen Ländern konnten ihre Arbeit und ihre Ideen auf einer Weltbühne präsentieren. Die Ausstellung Paradise Lost in diesem hochrangigen internationalen Kunst-Forum war eine Aufforderung, die bislang ausgeschlossene Roma-Gemeinschaft einzubeziehen. Den Roma kommt im politischen Leben und in der Kulturlandschaft Europas eine entscheidende Rolle zu.

Selbst nachdem Roma am repräsentativsten internationalen Kunstereignis – der Biennale von Venedig – teilgenommen haben, erhalten sie nur selten weitere Gelegenheit zu professioneller Selbstdarstellung. Es ist ihnen nicht möglich, Klischeevorstellungen und Diskriminierung dadurch zu begegnen, dass sie in Europa kulturell präsent wären. Dies hat zur Folge, dass die Mehrheit der Gesellschaft ihre Vorstellungen von der Kultur der Roma auf selbst entwickelten Stereotypen aufbaut. Das ist um so schädlicher, als die kulturelle »Einbeziehung« der Roma ein Katalysator für eine gesellschaftliche Belebung sein könnte, die wiederum die Gemeinschaft der Roma stärken und zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen könnte.

Kulturelle Wende

Die Interpretation der kulturellen Praxis von Minderheiten wurde durch einen Paradigmenwechsel möglich, der in der Fachliteratur als »kulturelle Wende« bezeichnet wird. Dieser Einstellungswechsel in gebildeten Kreisen betrifft nicht nur ethnische Zugehörigkeit, sondern auch die Gesellschaft, das Geschlecht und die Klassenzugehörigkeit. Der Wechsel ging ursprünglich von Intellektuellen westlicher Gesellschaften außerhalb der Universitäten aus, als Antwort auf Bürgerrechts- und Studentenbewegungen, die gesellschaftliche Veränderungen zur Folge hatten. Die bürgerliche Gesellschaft gewann an Stärke, und bürgerliche Politik entstand, eine der Bedingungen für eine kulturelle Demokratie. Die Veränderungen in der zeitgenössischen Kultur und in der Kunst der vergangenen Jahrzehnte öffneten Türen, noch bevor randständige Gemeinschaften Inhalte formuliert hatten. Die Zeichen mehren sich, dass die Kunst, in Abwesenheit von Demokratie und freier Presse, Armen und Unterdrückten einen Weg in die Freiheit und Öffentlichkeit ebnen kann (man denke an Diktaturen im Osten, arabische Frauen oder die Insassen afrikanischer Gefängnisse usw.).

Teilweise ist es der positiven Resonanz auf den Ersten Roma-Pavillon zu verdanken, dass Roma-Kultur in der zeitgenössischen Kunst jetzt »angesagt« ist. Man begegnet ihr wohlwollend und ist bereit, die Standpunkte von Minderheiten und Aktivisten, die Äußerungen von benachteiligten Gruppen oder Außenseitern, die Sichtweisen von Umweltschützern – und was immer als marginal betrachtet wurde, zu vermitteln. Für die Gemeinschaft der Roma ist es sehr wichtig, diese offenen Türen zu nutzen, um den Blick auf ihre Kultur positiv zu beeinflussen und ein angemessenes Urteil zu bewirken, denn wir wissen nicht, wie lange diese günstige Situation anhalten wird, und wann die Kunst nach neuen Themen und Ausdrucksformen suchen wird, um sich neu zu beleben und ihre Innovationskraft zu erhalten. Solche »Kulturelle Erfolgsgeschichten« verbreiten sich viel schneller als Veränderungen, die mit Wohnungsbeschaffung, Beschäftigung, Gesundheitswesen oder mit Erziehung zu tun haben. Bei kulturellen Aktivitäten in Verbindung mit Roma-Politik ist ein positiver Ansatzpunkt entscheidend: Wir definieren die Roma nicht als Problem, sondern als mögliches – und tatsächliches – Kapital!

Roma-Künstler

Zeitgenössische Roma-Künstler und politische Aktivisten haben unsichtbare Strategien entwickelt, um ihre Aktionen durchzuführen. Diese Strategien schließen heimliche, anonyme, versteckte oder geheime Taktiken ein. Im Falle von Daniel Bakers Kunst verbirgt sich die provokante politische Botschaft, die Agenda eines emanzipierten Roma-Intellektuellen, unter einer schimmernden Oberfläche aus Glas und Spiegeln, dekoriert mit Figuren und Symbolen überlieferter Roma-Traditionen: Rosen, Pferde, Hähne und Wohnwagen. Bakers Zeichen verkörpern die Abspaltung, Trennung, Entmündigung, wie englische Zigeuner sie erfahren.

Gabi Jiménez’ zusammengesetzte Installationen erhalten die Sprache dauerhaft in einem Zustand der Offenbarung, Aufdeckung oder im Status des Formulierens, ohne einer Vermarktung, Institutionalisierung oder dem Gesetzestext in die Falle zu gehen. Es gelingt ihm, die »Institution Kunst« zu kritisieren, indem er das zwiespältige und konfliktreiche Verhältnis von Künstlern und Vermittlern, zwischen Außenseitern und »Mainstream«, und natürlich zwischen Roma und Nicht-Roma genau aufzeigt.

Der Betrachter kann Jiménez’ Bilder nur entschlüsseln, wenn er es versteht, in einer Van Gogh-Paraphrase oder in einer Landschaft von Saintes-Maries-de-la-Mer nach einem versteckten Wohnwagen-Dorf zu entdecken. Wie sollte ein Betrachter wissen, warum die Zigeuner auf Jiménez’ Bildern keinen Mund haben? Seine Bilder stecken voll »verborgener Bedeutung«: Die Wohnwagen sind überall, wir bemerken es nicht einmal mehr. Ein Caravan-Dorf zeichnet sich am Horizont ab, aber wir sehen nur Dächer und Häuser, weil wir das am Horizont einer Landschaft erwarten. Jiménez sagt: »Der Schlüssel zu unserem Überleben ist unsere Diskretion.« – Seine Zigeuner haben riesige Augen, aber keinen Mund, mit dem sie sprechen könnten.

Katarzyna Pollok ist auf den ersten Blick vielleicht keine Überraschung. Sie erschafft dekorative und ornamentale Bilder mit lebhaften Farben und einer einzigartigen kindlichen Maltechnik, die auf der Leinwand Form und Rhythmus betont – so wie man es von einer Roma-Malerin geradezu erwartet. Wenn wir diese Werke jedoch näher untersuchen, stellen wir fest, dass Pollok über profunde Kenntnisse des indischen Roma-Erbes, östlicher Philosophie und unserer westlichen Welt verfügt. Ihre Arbeiten sind einfühlsame und kristalline Verschmelzungen dieser Kulturen. Es sind Ikonen des Multikulturellen, verborgen unter Dekor, Farbe und ornamentalen Motiven.

Strategie der Unsichtbarkeit

Sich für eine Strategie der Unsichtbarkeit zu entscheiden, bedeutet, die Arbeit nicht räumlich zu organisieren: Ich, hier, unterprivilegiert, im Untergrund arbeitend auf der einen Seite, und: Du, dort, in Institutionen, mit Macht ausgestattet, mir eine Identität oder die Verwirklichung eines Ziels verweigernd auf der anderen Seite. Im Gegenteil dazu verfährt eine unsichtbare Strategie, indem sie sich auf eine zeitliche Organisation bezieht. Es geht darum, diese Vorgehensweise in Beziehung zu dem zu setzen, was noch kommt. Neben der beabsichtigten Wirkung sind alle (künstlerischen) Strategien, ob sichtbar oder unsichtbar, Formen der Enthüllung. Ob nun in einem künstlerischen oder aktivistischen Kontext, der Kampf kann nur mit der Darstellung dieses Kampfes enden.

Kálmán Váradys Serie von Digitaldrucken Familja weckt die kollektiven Erinnerungen der Roma an Fotografien, die von Roma-Opfern in Todeslagern gemacht wurden. Dies aber nur auf den ersten Blick! Várady überschreibt diesen Eindruck. Im Falle dieser Arbeit dient die Analyse physiognomischer Besonderheiten einem guten Zweck: Sie verbinden die Objekte der Betrachtung. Durch Ähnlichkeiten und durch eine gemeinsame Erfahrung (die Foto-Sitzung), stellt der Künstler ein Band und eine starke Verbindung zwischen den Modellen her. Durch seine künstlerische Handlung schafft er eine Familie. Diese künstlerische Handlung unterdrückt die negativen Konnotationen der Fotos

Judith M. Horváth ist zweifellos eine talentierte und technisch versierte Fotografin. Ihre Fotos zu beschreiben ist nicht leicht. Ihre Methode ist es, die raffinierte Virtuosität künstlerischer Fotografie, die durch die Schwarz-Weiß-Technik noch verstärkt wird, mit dem bedächtigen Einblick des Genres der Sozial-Fotografie zu verbinden. Ihre Aufnahmen wecken Interesse und rufen gewisse nostalgische Empfindungen für die traditionellen, guten alten Zeiten hervor, als die Gemeinschaften noch zusammenhielten, die Kinder sicher aufwuchsen, und Unterschiede weniger wichtig waren. Judith M. Horváth macht die Roma in ihren Darstellungen nicht zu Objekten und Opfern. Wenn es einen Weg gibt, die Wahrheit auszudrücken, so gelingt ihr dies mittels der Kunst der Fotografie.

Lita Cabellut kehrt zu ihren Wurzeln zurück, wenn sie in dieser Ausstellung Porträts von Django, Limon und Tomillo zeigt. Sie ist der Meinung, dass »Limon die hohe Stimme der Seele (ist), Django das Lächeln des Lebens, (und) Tomillo die scharfe Spitze, die das Herz durchbohrt und den Tod mit Hoffnung infiziert…«. Diese Bilder zeigen die Urväter der Roma-Kultur als starke, charismatische Roma, die unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Zum Schluss möchte ich die Kunst zeitgenössischer Roma-Dichter erwähnen: Bronisława Wajs (genannt Papusza), Ruždija Russo Sejdović, Jovan Nikolić. Sie sind Wegbereiter, die die Verantwortung übernommen haben, ein schriftliches Erbe zu begründen, indem sie die mündliche überlieferte Geschichte aufzeichnen. Es geht ihnen um eine intellektuelle und literarische Zukunft für kommende Roma-Generationen.

Kunst ist eine unabhängige Instanz, die allgemeine Werte repräsentiert. Roma sind seit Jahrhunderten kunstschaffend. Wir werden nun Zeugen eines faszinierenden Vorgangs, einer Metamorphose, bei der die Kunst der Roma endlich sichtbar wird und in die Welt der offiziell anerkannten Kultur eintritt. Roma-Kunst existiert, und sie soll die Welt erobern, die Welt der Kunst.

Übersetzung aus dem Englischen: Barbara Räderscheidt

Tímea Junghaus ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Kulturaktivistin. Sie stammt selbst aus einer Roma/Sinti-Familie. Ihr Ziel ist, der zeitgenössischen Roma-Kunst die internationale Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die sie verdient. 2008 erhielt sie den europäischen Kulturpreis „Kairos“. Die Laudation finden Sie hier 

Die offizielle Website des Roma-Pavillions der Biennale 2007 in Venedig finden Sie hier

Im Kölnische Stadtmuseum ist noch bis Ende Februar 2009 die Ausstellung „Die vergessenen Europäer. Kunst der Roma – Roma in der Kunst“ zu sehen. Mehr  hier

 

 


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