Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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31.05.2007

Vielfalt ist nicht alles

Haben Sie es bemerkt? Am 21. Mai wurde in Deutschland erstmals der der UNESCO-Welttag der Kulturellen Vielfalt" gefeiert. Sie haben nichts bemerkt ? Nun, vielleicht ist es Ihnen nur nicht aufgefallen, weil „Vielfalt“ vor allem in Kombination mit „kulturell“ zur Zeit in aller Munde ist. So sehr, dass man leicht nicht mehr genau hinschaut oder -hört, wenn der Begriff fällt.

Dabei ist das Thema der Beachtung wert, wie zum Beispiel das im Oktober 2005 verabschiedete „Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ belegt. Keine andere UNESCO-Konvention wurde in so kurzer Zeit von so vielen Staaten verabschiedet. Bis zur Konferenz Kulturelle Vielfalt – Europas Reichtum“, die von der Deutschen UNESCO-Kommission vom 26. bis 28. April in Essen veranstaltet wurde, waren es bereits 56 Staaten, darunter Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Kanada, Mexiko, Spanien und Südafrika, die zusammen etwa die Hälfte der Weltbevölkerung repräsentieren. Als völkerrechtlicher Gegenpol zum Welthandelsabkommen GATS, das auch kulturelle „Dienstleistungen“ der ausschließlichen Logik des freien Marktes unterwerfen wollte, sichert es nun das Recht eines jeden Staates, u. a. mit Instrumenten öffentlicher Kulturfinanzierung die Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen im eigenen Land zu schützen und zu fördern. Damit beginnt nun die zweite, nicht minder herausfordernde Phase, nämlich diese Konvention mit Leben zu füllen.

Die Diskussion um kulturelle Vielfalt wird global geführt. Am Zustandekommen der UNESCO-Konvention waren neben den Regierungen vor allem Künstlerverbände, kulturpolitische Vereinigungen und Wissenschaftler beteiligt, gebündelt in den weltweit 37 „Koalitionen für kulturelle Vielfalt“. Aber nicht überall sind so viele beteiligt wie in Europa, und auch die Absichten der  UnterstützerInnen sind möglicherweise recht verschieden. Vielfalt bedeutet daher auch, das aus der eigenen Sicht scheinbar Eindeutige zu hinterfragen. Im Falle der Konvention ist es zum Beispiel die Ambivalenz der Zivilgesellschaftsbeteiligung, die auf den zweiten, genaueren Blick deutlich wird: Ist ihre Rolle so uneingeschränkt positiv zu bewerten, wenn sie wie in Tunesien fast ausschließlich staatsnah organisiert ist und die wenigen Oppositionellen gar keinen Zugang zum internationalen Diskurs haben? Welche Rolle spielt es, dass vor allem die organisierte, die institutionalisierte Zivilgesellschaft beteiligt wurde, die durch diese neue Form der Anerkennung oft schon ihren Biss verloren zu haben scheint, wie eine afrikanische Teilnehmerin formulierte? Und was wird geschehen,  wenn in einigen  Unterzeichnerstaaten globale Menschenrechte noch dreister verletzt werden als bisher, unter Berufung auf ihr Recht auf kulturelle Selbstbestimmung? Und: Kann die Sicherung kultureller Vielfalt nicht auch Nationalisten und Rechtsextremisten in die Hände spielen? Und was unterscheidet Vielfalt eigentlich von Beliebigkeit?!?

Vielfalt ist kein Wert an sich, hörte man in den drei Tagen des öfteren. „Doch!“, widersprach Christine von Weizsäcker, die als Vertreterin der Ökologiebewegung ihre Expertise erfolgreicher globaler Durchsetzungsstrategien einbrachte. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei nämlich Vielfalt schlicht „die Voraussetzung für Antwortfähigkeit“, ergänzte sie im Anschluss an ihren sehr aufrüttelnden Vortrag im Gespräch. Wer immer auf Langstreckenläufer trainiere, bekäme ein großes Problem, wenn plötzlich Gewichtheber gebraucht würden. Das schlichte Vorhandensein von Vielfalt sei also eine Notwendigkeit der menschlichen Weiterentwicklung. Aber ihre bloße Existenz ist nicht genug, die Dinge müssen auch miteinander verbunden werden. Das ist das Prinzip zum Beispiel von Soziokultur. Keine andere Kulturpraxis ist so divers. Kein Haus gleicht dem anderen und kein Programm. Darin spiegelt sich die Wirklichkeit des gesellschaftlichen Umfeldes wieder, dem die Soziokulturellen Zentren mehr als jede andere Kultureinrichtungsform verbunden sind. Der kulturelle Gestaltungsanspruch ihrer Akteure reicht folglich in viele Arbeitsbereiche hinein, auch in solche, die nicht im klassischen Sinne zum Kulturbereich gehören. Zu ihren Arbeitsfeldern gehört vor allem das Präsentieren von künstlerischem Schaffen aller Sparten, sowohl von Profis als auch von Amateuren, im ganzen Spektrum von Veranstaltungsformaten. Ebenso das kreative Schaffen (in Kursen, Workshops, Projekten u. a.). und Unterhaltung (etwa Discos, Feste u. ä.). Nicht minder wichtig sind jedoch Angebote der kulturellen und politischen Bildung, im Bereich Ökologie und Umweltschutz sowie der Stadterneuerung/Dorfentwicklung/Entwicklung des ländlichen Raums, die intergenerationelle und inter-, trans- und multikulturelle Arbeit, die Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, Projekte und Angebote zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, Sozialarbeit und Kinder- und Jugendhilfe gemäß SGB VIII, Demokratieentwicklung, offene Kommunikation und Begegnung sowie grenzüberschreitende Zusammenarbeit innerhalb Europas und der übrigen Welt.

Der besondere Wert liegt dabei nicht in der möglichst großen Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsfelder, sondern in der Art und Weise, wie diese miteinander und mit den sie umgebenden Gemeinwesen verbunden sind. So wird aus dem möglichen Bauchladen ein konzeptionell untersetztes und nachhaltig wirkendes Kulturangebot. „Vielfalt. Aus Prinzip“ so auch das Motto der Soziokulturellen Zentren in Deutschland.

Die Verfechter der UNESCO-Konvention stehen jetzt, wo die offiziellen Feierlichkeiten weniger werden und die Aufmerksamkeit in Politik und Medien verebbt, vor den dezentralen Herausforderungen dieses globalen Prozesses: Es müssen all jene mit einbezogen werden, die es bisher nicht waren: alle Kontinente, alle gesellschaftlichen Kräfte. Vor allem müssen die  Ressortgrenzen überwunden werden, denn was nützt alle Gemeinsamkeit in der Kultur, wenn Soziales, Bildung und vor allem die Wirtschaft nicht mit am selben Strang ziehen. Die größte Aufgabe wird aber wohl darin bestehen, die Idee von der zugleich identitätsstiftenden wie verbindenden Kraft der Vielfalt in die Gesellschaft hinein zu tragen, um sie dort zu verankern. Zum Beispiel nach dem Vorbild der lokalen Agenda 21. Dafür sind Soziokulturelle Zentren die geborenen Partner.

Christiane Ziller ist Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V.. Mehr hier

 

 


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