Zukunft = Interkultur
Mark Terkessidis sieht in der „Interkultur“ die Zukunft der Gesellschaft, in Deutschland wie in Europa.
Die EU hat 2009 zum Jahr des interkulturellen Dialogs ausgerufen – so soll das Thema in den Mitgliedsländern stärkere Beachtung finden. Noch ist unklar, was dabei herauskommen wird, doch für Deutschland lässt sich bereits sagen, dass die Debatte hinterher hinkt. Das zeigt nicht zuletzt der Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. Interkultur wird in dem fast 500seitigen Report in einem Abschnitt von wenigen Seiten behandelt. Und beim Lesen wird deutlich, wie wenig die Kommission verstanden hat.
Zunächst ist es bereits ein verheerender Denkfehler, das Thema Interkultur unter der Rubrik »Förderbereiche von besonderer Bedeutung« im Kapitel „Migrantenkulturen/Interkultur“ zu verhandeln. Möglicherweise hätte „Migrantenkulturen“ – wobei nirgendwo geklärt wird, was dieser Begriff eigentlich bedeutet – in der betreffenden Rubrik ein Unterpunkt sein können, Interkultur jedoch hätte sich als Fragestellung durch den gesamten Bericht ziehen müssen. Zudem wird Interkutur hier auf den Komplex Einwanderung reduziert. Eine willkürliche Verkürzung: Da sind viele private Unternehmen mit ihren „Diversity“-Konzepten schon deutlich weiter. Das Kapitel orientiert sich zudem an einer verbreiteten, aber hoffnungslos antiquierten Vorstellung von Integration. Zu Beginn wird der Beitrag von Menschen mit Migrationshintergrund für die Kultur in Deutschland ausdrücklich gewürdigt. Allerdings mit Bemerkungen wie: „Heute sind zum Beispiel viele deutschtürkische Regisseure oder Autoren bekannte Repräsentanten, die für die Widersprüche des Stoffes Integration spezifische Darstellungen gefunden haben“. Offenbar befassen sich die Filmemacher nichtdeutscher Herkunft also primär mit Integration. Wäre ihre Themenstellung so wenig universell, ließe sich kaum erklären, warum Fatih Akin zu dem internationalen Gesicht des deutschen Filmes geworden ist. Hierzulande wird allerdings weiterhin angenommen, dass ein Künstler mit Migrationshintergrund stets nur über sich selbst sprechen kann. Zur Abstraktion, zur Darstellung von etwas Allgemeinem scheint oder darf er offensichtlich nicht in der Lage zu sein.
Faule Kompromisse
Dass man in Deutschland gerne Probleme „aussitzt“, durch faule Kompromisse löst oder schlicht verdrängt – damit sage ich nichts Neues. Angesichts der dramatischen Herausforderungen von Einwanderungsgesellschaft und demographischem Wandel ist die Weltfremdheit des Berichts allerdings erschreckend. Zudem korrespondieren die Aussagen im Bericht überhaupt nicht mit den Fortschritten, die derzeit auf kommunaler Ebene zu beobachten sind. In vielen Kulturdezernaten, -referaten oder -ämtern wird daran gearbeitet, Interkultur als Prinzip zu verankern und zu mainstreamen. Ob die Konzepte in der Realität so gut sind wie auf dem Papier, lässt sich noch nicht sagen, aber zumindest werden teilweise neue, der Situation angepasste Förderrichtlinien verabschiedet, auf die man sich berufen kann. Für die Enquete-Kommission ist das Thema dagegen offenbar so eine Art Pflichtaufgabe gewesen, die man in ein Sonderkapitel packt, in dem einigermaßen zusammenhanglos das reproduziert wird, was unterschiedliche Leute während der Anhörung gesagt haben. So kann man keine Zukunft gestalten, so wird Zukunft einfach vertändelt.
Die Kommission hat nicht verstanden, dass Interkultur als Prinzip nicht gleichzusetzen ist mit der Kultur von Menschen mit Migrationshintergrund. In Deutschland geht man zumeist implizit davon aus, dass es eine Trennung zwischen einer als Norm betrachteten »deutschen Kultur« und der Kultur der „Anderen“ gibt. Unter Interkultur werden dann nur noch kulturelle Hervorbringungen von Personen mit Migrationshintergrund subsummiert. In diesem Sinne funktioniert dann auch oftmals die Förderpraxis. Man richtet einen Extra-Topf für „interkulturelle Kunstprojekte“ ein, während die Förderkriterien für die restlichen „normalen“ Projekte unverändert bleiben. Eine ernst gemeinte interkulturelle Öffnung sieht anders aus. Ihr Ziel ist nicht, Einwanderer zunächst „passend“ zuzurichten, bevor man sie in den bestehenden Kulturinstitutionen zulässt. Tatsächliche Partizipation bedeutet, dass sich auch die Institutionen verändern – vielleicht schreckt ja gerade das manchen deutschen Kulturliebhaber. Der US-amerikanische Organisationsberater Roosevelt Thomas pflegt zur Illustration dieser Problematik gerne die Geschichte vom Besuch des Elefanten im Haus der Giraffe zu erzählen. Zwar hat die Giraffe die Tür verbreitert, damit der Elefant eintreten kann, doch einmal in dem für Giraffen gemachten Haus „passt“ der Elefant aufgrund seiner Körpermaße nirgendwo tatsächlich hin – tatsächlich richtet er fortgesetzt Schäden an. Daraufhin empfiehlt ihm die Giraffe eine Abmagerungskur. Der Elefant dagegen findet, dass das Haus selbst verändert werden muss, so dass es den Unterschieden seiner Benutzer gerecht wird.
Der relevante Punkt ist: Institutionen müssen so gestaltet sein, dass sie der Vielfalt in der Gesellschaft gerecht werden. Und Vielfalt bedeutet hier nicht nur Migrationshintergrund, sondern auch Schicht, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter oder Behinderung. Im Zentrum steht dabei das Individuum, nicht die Gruppe. Damit der einzelne sein Potential ausschöpfen kann, müssen die Organisationen und Institutionen primär „Barrierefreiheit“ herstellen. Sie müssen sich fragen, welcher Typus von Personen strukturell selbstverständlich bevorzugt wird und welcher ausgeschlossen.
Wenn wir über Kulturinstitutionen sprechen, dürfte klar sein, dass über die Herrschaft der sog. „Bildungsbürger“ reden. Dieser Typus fällt allerdings in die Rubrik der bedrohten Spezies. An den Schulen etwa in NRW haben unterdessen etwa ein Drittel aller Schüler Migrationshintergrund, in den Städten teilweise noch mehr, Tendenz steigend. Nun sind die Einwanderer den Kulturinstitutionen weitgehend fremd geblieben. Man findet sie selten in den programmatischen Entscheidungspositionen oder in den Ensembles; sie wurden kaum einmal als Publikum angesprochen und wenn, dann, weil man mal was für die „armen Migrantenjugendlichen“ oder „die Türken“ machen musste. Diese Leute kennen dann auch nicht die Benimmcodes und verfügen nicht zuletzt teilweise auch nicht über die nötigen Bildungsvoraussetzungen. Dabei wäre die Partizipation dieser Gruppe am kulturellen Leben, ihre Teilhabe an den staatlich geförderten Kulturinstitutionen nicht nur ein Gebot der Demokratie, sondern auch eine Überlebensfrage angesichts des demographischen Wandels.
Defizite produzieren
Bisher werden Jugendliche nichtdeutscher Herkunft von vielen Pädagogen primär dazu aufgefordert, in Theater- oder Kunstprojekten ihr „eigenes Leben“ zu erzählen. Das Ergebnis: ihre kulturellen Produktionen werden nicht als Kunst ernstgenommen. Zudem wird von vornherein auf die Vermittlung der ästhetischen Formensprache der Hochkultur verzichtet. Wenn es in Deutschland um Integration geht, dann immer auch und vor allem um die Defizite der Migranten. Nur logisch, dass aus der Sicht der Enquete-Kommission zu den „Integrationsdefiziten“ der Menschen mit Migrationshintergrund neben „Schwächen in Bildung und Ausbildung“ auch „eine höhere Arbeitslosigkeit“ gehört. Das klingt so, als seien diese Probleme eine Art individuelles Versäumnis der Migranten. Besonders deutlich wird diese Art des Denkens, wenn es um Lösungsvorschläge geht. So betont die Enquete-Kommission beispielsweise, Bibliotheken seien die Orte, „die von Migranten am stärksten genutzt werden“. Andererseits beklagt sie die mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache durch Migranten. Wie das mit der Bibliothekennutzung zusammenhängt , wird nicht thematisiert. Solche Widersprüche stören den Defizite-Diskurs nicht. Stattdessen wird der „Interkultur“ eine bestimmte Rolle bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme zugeschrieben. „Mithilfe künstlerische Projekte“, heißt es da ausdrücklich, „kann der soziale Integrationsprozess wirksam unterstützt und gefördert werden“. In einem anderen Kapitel zum Thema „interkulturelle Bildung“ wird kulturelle Bildung als ein „zentraler Beitrag“ für den „Zusammenhalt der Gesellschaft über alle Schichten, Generationen und Herkunftskulturen hinweg“ bezeichnet. Für „Randgruppen“ stellt Kultur mithin eine Art buntes Schmiermittel für die soziale Integration dar. Kaum denkbar, dass „deutsche“ Kunstprojekte so unverhohlen instrumentalisiert werden – da ist dann doch das „innerdeutsche“ Kulturverständnis vor.
Über eine neue Legitimation von Kultur nachzudenken, ist zweifellos notwendig, aber es kann nicht die Aufgabe von Kunst sein, für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sorgen. Wenn man das Thema Interkultur auf gerade mal neun von nahezu 500 Seiten als Sonderthema behandelt, kann dem Bericht kein Konzept zugrunde liegen, das auf Zielvorgaben für die Zukunft setzt. Selbstverständlich kann man sagen: der Bericht der Enquete-Kommission Kultur ist immerhin ein erster Schritt. Aber angesichts der Fortschritte in den Kommunen und der Virulenz des Wandels könnte man doch mehr verlangen als ein Sammelsurium. Immerhin ist es geschlagene 53 Jahre her, dass die ersten italienischen „Gastarbeiter“ angeworben wurden. Beim Thema Interkultur geht es längst nicht mehr um die Sonderprobleme von Minderheiten, sondern um Zukunft der gesamten Bevölkerung – in Deutschland wie in Europa.
Mark Terkessidis ist freier Journalist, Autor, Migrationsforscher und Mitglied der Initiative Kanak Attack. Zu seinen Publikationen zählen u.a. „Die Banalität des Rassismus. Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive“ und „Mainstream der Minderheiten“ (Hrsg.).
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