Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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Panel 1

»Kulturmacht Europa«
Wie nutzt Europa die Chancen seiner kulturellen Vielfalt?

Vortrag von Adolf Muschg, Schriftsteller, Männedorf/Zürich
Anschließend Podiumsdiskussion mit Volker Hassemer, Sprecher der Initiative »Europa eine Seele geben«, Berlin; Adolf Muschg, Schriftsteller, Männedorf/Zürich; Oliver Scheytt, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., Bonn; Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder); Catherine Trautmann, MdEP, Ausschuss für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments, Straßburg/Brüssel. Moderation: Hansjürgen Rosenbauer, Medienrat Berlin-Brandenburg, Berlin

Europa wird von der Welt bereits als Kulturkontinent mit großer Anziehungskraft empfunden. Die Vielfalt der Sprachen, Kulturen, Traditionen und künstlerischen Ausdrucksformen, aber auch der Reichtum des kulturellen Erbes sowie die Fülle und Qualität der Angebote und Aktivitäten in den verschiedenen Kunstsparten gelten als Kreativitäts- und Identitätsressourcen, die Europa auszeichnen. Aber wie lassen sie sich für Europa besser aktivieren und nutzen? Konstituiert die vorhandene Vielfalt ein wirksames Identifikationsangebot, dass dem Anspruch, ein »Europa der Bürger« zu schaffen, zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht? Könnte der Kongresstitel »kultur.macht.europa.« nicht auch dahingehend interpretiert werden, dass die EU auch aus ihren kulturellen Ressourcen 'Macht' generieren kann, insofern damit die Fähigkeit angesprochen ist, etwas möglich zu machen, Entwicklungen anzustoßen etc.? Wenn es so ist, dass die »Kulturmacht Europa« auch aufgrund ihrer kulturellen Potentiale attraktiv ist für Menschen aller Kontinente, ist es dann nicht auch eine europakulturpolitische Herausforderung ersten Ranges, diese Anziehungskräfte stärker in den globalen Wettbewerb einzubringen?
Andererseits: Stimmt die These von der Bedeutung des Kulturellen für die europäische Integration wirklich? Oder sitzen ihre Verfechter in ihrem Begründungskonsens nicht einem blauäugigen Kultureuphorismus und kulturpolitischen Omnipotenzphantasien auf, deren Realitätsgehalt bislang noch nicht bewiesen wurde? Welche praktischen Projekte wären geeignet, diese These zu verifizieren? Kann auf diese Weise, also durch die Hervorhebung der Kultur als Medium der Integration, der Stellenwert der Kulturpolitik in der Rangliste der europäischen Politikfelder Gewicht gewinnen?

Das kulturelle Erbe und die Vielfalt der Kulturen stellen zweifellos einen großen Reichtum dar. Doch gehört nicht auch das Erbe der kulturellen Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen  zur europäischen Identität? War und ist nicht die Ingangsetzung des europäischen Integrationsprozesses – neben ökonomischen Motiven – auch der aus diesen Konflikten gezogenen Lehre geschuldet? Bedarf vor diesem Hintergrund nicht auch die Kultur des Erinnerns als »europäische Qualifikation« besonderer Wertschätzung und Pflege? Wie geht der normative Begriff der kulturellen Vielfalt im Sinne der UNESCO-Erklärung zusammen mit der z.T. schwierigen multikulturellen Realität. Hilft uns hier die Kulturalisierung faktischer Differenzen weiter? Welche Rolle spielt die Kultur tatsächlich im europäischen Einigungsprozess?

Hätten wir mit der europäischen Verfassung eine Grundlage, auf der sich die vielen europäischen Kulturen verständigen und nicht nur nebeneinander existieren, sondern miteinander Zukunft gestalten könnten? Oder bedarf es darüber hinaus normativer Grundlagen religiöser, weltanschaulicher oder ethischer Art, um seine innere Legitimation auf ein »kulturelles Fundament gemeinsam getragener Überzeugungen« gründen zu können wie Bundestagspräsident Norbert Lammert es für notwendig hält? Doch welche Überzeugungen könnten dies sein und wie wären sie zu vermitteln und mit verbindlicher Kraft auszustatten? Ist das Konstrukt einer europäischen Leitkultur hilfreich oder kann der Habermas'sche Begriff des »Verfassungspatriotismus« als Leitbild dienen, um die erwünschte »Einheit in der kulturellen Vielfalt« zu erreichen?


Olaf Schwencke

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